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Greina: Alpwirtschaft Im Wandel

In der Region Greina spielte die Alpwirtschaft über viele Jahrhunderte eine zentrale Rolle. Gealpt wurde von beiden Seiten des Alpenhauptkamms, die Tessiner aus dem Bleniotal gingen dabei besonders weite Wege, um zu den begehrten Weideplätzen zu kommen. Wir blicken im Dossier zurück und in die Gegenwart

1. Einleitung: Die Alpwirtschaft in Graubünden
2. Alp Diesruth: im Widerstreit der Interessen
3. Lampert- und Läntaalp: Von intensiver und extensiver Nutzung
4. Bleniesser Alpen: Vom Wandel der Alpwirtschaft
5. Alp Greina: Von Pferden und Schafen 

 

Die Alpwirtschaft in Graubünden

 

 

Einleitung

Gealpt wird das Vieh im Kanton Graubünden schon seit vielen Jahrhunderten. Die Blütezeit war vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit. Heute wandelt sich die Alpwirtschaft - die Senninnen und Sennen sind auch Landschaftsgärtner.

Das abweisende Klima hat die Alpen in der Frühzeit der Besiedlung vor starker Nutzung verschont. Doch bereits zur Bronzezeit lebten in der Gegend Menschen. Davon zeugt die Siedlung Crestaulta in Surim bei Lumbrein. Es war eine inneralpine Sonderkultur, die um 1400 bis 800 vor Christus andauerte. Sie hinterliess eine grosse Zahl von Bronzestücken, Schmuck und Keramik. In der Eisenzeit zwischen 800 vor Christus und Christi Geburt lebten die Rätier und im Tessin die Lepontier, ein keltischer Stamm im Norden. An rätische Siedlungen erinnern Flurnamen wie Lugnez oder Petnaul bei Vrin. Die Lage im Kreuz der Pässe Bernadino, Splügen, Lukmanier und Gotthard war strategisch zwar günstig. Trotzdem bauten die Römer keine weiteren Siedlungen in abgelegenen Gegenden, wenn sie nicht für den Strassenbau wichtig waren. Im Mittelalter wurden die Alpen auch als Rohstoffquelle entdeckt: Gold, Silber und Kristalle, aber auch Holz wurde aus den Bergeregionen ins Tal geschafft. Umgekehrt entdeckten immer mehr Tierhalter die höheren Lagen als Weidegrund, um dem knapper werdenden Talgrund auszuweichen. Damit bekamen sie die Möglichkeit, das Talgras zu scheiden und für den Winter einzulagern. Denn lange Winter bedeuteten Hunger : für Menschen und Tiere.

Ursprünglich, das heisst in den Anfangszeiten der Besiedlung, bewirtschafteten die Dorfbewohner in Graubünden die Alpen gemeinsam. Nach und nach gerieten sie aber unter den Einfluss von Adeligen, 3die auch die Alpen für sich beanspruchten. Sie hatten dafür keine Verwendung und die Bauern durften sie weiterhin nutzen. Nun aber als Lehen und Erblehen. Der Territorialfürst war in der Zeit von Rätia Prima ab 452 nach Christus der Bischof von Chur, das in diesem Jahr erstmals als Bischofsitz erwähnt wurde. Auch das Kloster Disentis bekam den Titel einer Fürstabtei mit Territorialrechten. Noch waren aber in der Zeit des Frühmittelalters und Mittelalters, (ca 500-100 n. Chr.) die nördlichen Alpregionen zwar schwach, aber zunehmend besiedelt. Noch störten die immer wieder durchziehenden Nomaden nicht wirklich. Doch die Bevölkerung nahm zu und die Menschen siedelten in immer höher gelegenen Regionen. In dieser Zeit gab es auch noch Wandersennen. Dies waren verarmte Tierbesitzer ohne Land, die im Winter bei einem Bauern wohnten und Futter kaufen, solange da war. Dann mussten sie weiterziehen. Mit dem Einzug in die Alpen begann der Mensch auch die Kulturlandschaft zu formen: Der Wald wurde gerodet, Weideflächen gewonnen und gepflegt. ( NFP 48 Schlussbericht. S. 20-25. )

Mittelalter und Neuzeit

In den folgenden Jahrhunderte begannen sich die hörigen Bauern von ihren Lehen wieder frei zu kaufen. Zu diesen gehörten auch die Alpen, die sie gemeinsam frei kauften und gemeinsam bewirtschafteten. Diese Alpen waren aber häufig mit Sonderrechten, den so genannten Servituten belegt. Das begann schon damit, dass sich die Feudalherren noch einige Rosinen genehmigten, wenn sie die Bauern in die Freiheit entliessen. Das konnte das Recht auf einen bestimmten Teil der Produktion beinhalten, auf den Dünger, auf einen Teil der Alp, auf Holz, bestimmte Durchgangsrechte, Vor- und Nachweiderechte, die Nutzung des Waldes für die Kohlegewinnung, Jagdrechte, Murmeltiernutzungsrechte und vieles mehr. Von Bedeutung waren auch die Schneefluchtrechte. Sie bedeuteten, dass bei einem Wintereinbruch die Tiere der oberen Weiden das Recht hatten, weiter unten zu weiden. Doch die Ausrufung dieses Rechtes wurde möglichst lange hinausgezögert, weil dessen Ausübung eine hohe Belastung für die unteren Weiden bedeutete. Die Gemeinden organisierten die Bewirtschaftung der Berglagen in Alpkooperationen oder Markgenossenschaftsalpen. Dabei bestossen sie die Alp gemeinsam, aber mit eigenen Tieren die sie gemeinsam hüten. Aber es gab verschiedene Facetten der kollektiven Nutzung der Alpen.

Auch das Recht der Alpnutzung hat sich im Laufe der Jahrhunderte vom Ursprung der Markgenossenschaft verändert. Zuerst hatte in den romanischen Gebieten jeder Tierbesitzer unterschiedslos das gleiche Recht, die Gemeinschaftsalp mit seinen Tieren zu bestossen. Später gewährten die alteingesessenen Familien, die sich : nach heutigem Begriff als Ortsbürger definierten : Zugezogenen dieses Recht nicht mehr. Die Gründung von Genossenschaften schränkte die Nutzung weiter ein. Nun durften nur noch Genossenschafter eine Alp bestossen : auch wenn die manchmal von Nachbardörfern kam. Diese starke Nutzung, sowie die Belastung durch Servituten führte zu Erosionen, Lawinen- und Murgängen und zur Erkenntnis, den Alpboden zu pflegen und eine Art Management einzurühren. Diese Entwicklung setzte in der frühen Neuzeit ein, war jedoch je nach Tal und Nutzung der Alpen unterschiedlich.

Viele Kooperationen beschlossen, dass ein Mitglied nur noch so viele Tiere oben sömmern darf, wie es durch den Winter bringt. Wer hungernde Tiere hatte, musste ätzende Kommentare über sich ergehen lassen. Damit begegneten die Bauern der Überstossung. Die Versuchung zu überstossen war gross, denn im von Graubünden aus gesehen nahe gelegenen Italien lag ein Markt mit grossem Fleischbedarf. Der sogenannte Einschlag, also die Nutzungsbeschränkung ist deshalb aus heutiger Sicht eine beachtliche wirtschaftliche Leistung der Bauern, auch wenn die Einsicht in einen Managementplan : wie man dies heute nennen würde - auf manchen Alpen spät kam. Die amerikanische √ñkonomin Elinor Ostrom hat für ihre Analyse im Umgang mit Gemeinschaftsgütern 2009 den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten. Zu ihren Studienobjekten gehörte die Schweizer Alpwirtschaft, unter anderem der Umgang im Wallis mit der beschränkten Ressource Wasser. Sie fand heraus, dass von einer Gemeinschaft nachhaltiger bewirtschaftet wird, als dies auf mancher Privatalp der Fall ist. Eine wichtige Voraussetzung sind strenge Regeln und deren Durchsetzung. Sie wurden demokratisch eingeführt und jeweils den sich verändernden Gegebenheiten angepasst.

Unfreie Bauern mussten weiterhin den Zins für ihr Lehen in Form von Naturalien (meist Butter und Käse) am Martinitag oder St. Antönitag abgeben. Für freie Bauern war zwar die Lehensabgabe, nicht aber der Zehnte getilgt. Mit der Zeit wurde dafür ein fixer Geldbetrag verhandelt. Diese Belastung sank aber dank der Inflation mit der Zeit.

Im Spätmittelalter, also zwischen dem 12- bis 15. Jahrhunderte, änderte sich die Situation noch einmal. Die von Feudalherren als Innenkolonialisierung unterstützte Walser-Wanderung begann. Selbstverständlich war dies kein humaner Akt, um den Walliser Bevölkerungsdruck zu entschärfen. Es ging für den Bedarfsfall um einen Vorrat an kriegstüchtigen Bauern. Mit den Wallsern kam ein neuer Stil der Alpbewirtschaftung nach Graubünden: Jener der privaten Nutzung. Im Gebiet um das Rheinwaldhorn siedelten die ersten Walser vor rund 700 Jahren.

Während des 16. und 17. Jahrhunderts gingen die meisten Alpen auch im romanischen Teil von den Gemeinden in Genossenschafts- oder Privatbesitz über. Das kam so: Einzelne Mitglieder schlossen sich zusammen und bewirkten bei der Gemeindeversammlung der Verkauf der Alp : oft für ein währschaftes Nachtessen und einer Anzahl Mass Wein. Kurze Zeit darauf wurden sie wieder zurück gekauft, weil die Gemeinden in dieser Zeit stark wuchsen und damit die Notwendigkeit, die Alpen wieder kollektiv zu nutzen.

 

Alpleben

Die Alpen werden traditionell eher extensiv bewirtschaftet. Eine Alp ist eine in sich geschlossene Betriebseinheit, bei der nicht die Höhe das Problem ist, sondern das Klima. Alpen liegen oft an der oberen Grenze, wo Produktivität gerade noch möglich ist. Die Bevölkerungszunahme im späten Mittelalter und der Neuzeit und die damit verbundene steigende Anzahl von Tieren übte einen steigenden Druck auf den Alpboden aus. Da sich vor allem im romanischen Teil viele Alpen in irgendeiner Form im kollektiven Besitz befanden, definierte die Alpgenossenschaft, welchen Beitrag jeder Nutzer leisten muss. Dazu gehörte auch die Säuberung der Alpen, der Bau von Zäunen, der Kampf gegen Unkraut und Gestrüpp und das Zusammentragen von Steinen und Geröll zu einem Mäuerchen. Die Genossenschaft entschied auch entsprechend dem Wetter, wann die Alpung beginnen darf, wo geweidet wird und wann die Sömmerung beendet wird. Eine gute Alpgenossenschaft investierte auch in die Infrastruktur. Sie baute die Sennerei, Unterkünfte für das Personal, Wege, Zäune, Brücken, Holztröge; sie besorgte das für die Käseherstellung nötige Brennholz und vieles mehr.

Es gab auch Alpen, die von den Gemeinden alle zehn Jahre von neuem verpachtet wurden. Diese Unsicherheit dämpfte die Motivation der Genossenschaften, auf der Alp zu investieren. Weil im romanischen Kulturraum die Bauern im Sommer im Tal gebraucht wurden, stellten sie einen Senn ein. Er war der Chef auf der Alp, doch zum Team gehörte ein Hirte und für beide je ein Helfer. An einem bestimmten Stichtag in der Anfangszeit der Sömmerung melkten Senn und Hirte im Beisein der Genossenschafter die Kühe und die Milchmenge wurde auf die ganze Alpzeit von rund 90 Tagen extrapoliert um den zu erwartenden Ertrag zu schätzen. Diese auf Butter und Käse umgerechnete Menge musste der Senn am Ende der Alpzeit abliefern. Die Bauern waren natürlich daran interessiert, dass am Stichtag eine möglichst hohe Milchleistung erzielt wurde. Nun war es üblich, dass der Senn vor dem Stichtag die Kühe herumhetzte, um die Milchleistung zu senken. Umso schöner war der triumphale Einzug im Dorf, wenn er die Erwartungen übertraf.

 

Auch die Walser pflegten eine dreistufige Bewirtschaftung ihrer Alpen.

Dabei behielten sie ihren Hang zur Selbständigkeit und Einzelgängerei im Vergleich Gemeinbewirtschaftung der Romanen. Diese reglementierten ihre Dorfordnung bis ins Detail. Die Bewohner des romanischen Sprachraumes bevölkerten traditionell die tieferen Lagen. Sie pflegten Acker- und Fruchtanbau. Wenn die Tiere alpten, nutzten sie die Zeit für Feldarbeit. Das ist auch der Grund, weshalb sie sich genossenschaftlich organisierten und einen Senn anstellten. Die später zugewanderten Wallser wohnten in den noch freien Höhenlagen. Sie lebten ausschliesslich Vieh- und Aufzucht. Dabei besassen sie in der Regel auf drei Höhenstufen land, das freilich durch die Erbteilung zerstückelt wurde. Doch die Gebäude blieben in der Familie und deshalb lohnte sich der Bau auf so einer Privatalp. Freilich gab es auch Gemeindealpen, beispielsweise Schafalpen. Übergaben sie ein Privatgut der Gemeinschaft, versahen sie es mit einer Holztafel. Diese so genannte Tässele, ein geritztes Täfelchen war eine Art Ausweis, das über den Besitzer Auskunft gab. Oft lebte auf den Privatalpen der Opa, der als Senn fungierte. Er musste etwas vom Käsen verstehen, vor allem aber: Andere Arbeiten waren ihm zu viel. 

"Er ischt nüd mee, er cha z alp" sagte man in etwa in Vals.

Häufig war Sennarbeit auch Frauenarbeit. Ob sie von den Grosseltern oder der Mutter verrichtet wurde : die Kinder verbrachten den Sommer auf der Alp. Nach dem Melken am Morgen stiegen die Frauen in Vals oft ins Tal ab, kochten für die Männer das Mittagessen, halfen beim heuen und stiegen dann in der Hitze des Spätnachmittags wieder die zwei Stunden zur Alp hoch. Diese Zeit nutzten sie und strickten wandernd. Oben kochten sie dann wieder und versorgten die Kinder.

Auf genossenschaftlichen Alpen der Romanen arbeiteten in der Regel keine Frauen. Kinder gab es trotzdem: sie arbeiteten. Die Hirten hatten meist einen Buben als Gehilfen, selbst in den höchsten Lagen, wo Schafe und Ziegen weideten. Meist war er neben Hüteaufgaben auch verantwortlich für die Verbindung zur Kuhalp. Eine Genossenschaftsalp ist eine Arbeitsgemeinschaft, die sich für einige Zeit zusammenraufen musste. Das dies nicht ohne Reibereien ging, liegt auf der Hand.

Die Milchkühe weideten auf der besten Alp, die meist auch relativ nahe beim Dorf liegt. Dort steht auch die Sennerei, ein Kuhstall, ein Schweinestall und die Unterkunft für das Alppersonal. Die Schweine wurden als Molke-Verwerter gemästet : allerdings erst seit die Labkäseproduktion Einzug gehalten hat. Viele Genossenschaften hielten sich einen Zuchtstier auf der Alp, dem die Kühe zugeführt wurden. Mastochsen wurden selten gezüchtet und wenn man einen hatte, brauchte man ihn im Tal für die Feldarbeit. Die Kälber sind in den unteren Weidegebieten, die Rinder, das so genannte Galtvieh im oberen Teil. Galt sind Tiere, die man nicht melkt, das sind Kälber, Rinder, aber auch trächtige Kühe. Während die Kühe im Stall übernachten, verbringen die Rinder die ganze Zeit im Freien. Es ist üblich, dass in diesen Weidegebieten noch kleine Wäldchen stehen, meistens an der oberen Baumgrenze. Sie bieten den Tieren bei Unwettern Schutz. Manchmal steht auf dieser Alp für den Hirten eine zusätzliche bescheidene Unterkunft. Die Galtviehalpen waren im Gegensatz zu Kuhalpen auch Wildtieren, beispielsweise Bären ausgesetzt. Die höchstgelegenen Weiden wurden aber von Ziegen, Schafe, Pferden und später Fohlen genutzt. Pferde wurden zur Zucht genutzt und spielten früher bei der Alpbewirtschaftung eine durchaus wichtige Rolle, weil ihre Bedeutung, vor allem als Zugtiere noch grösser war. Auf höher gelegenen Alpen war eine Gründüngung verbreitet. Dabei wurden alle zwei Jahr die Mähung liegen gelassen. Während beim Stall auf der Kuhweide der Boden schnell überdüngt war und sich Amoniak liebende Pflanzen, etwa der giftige Eisenhut (diente früher zur Vergiftung von Wildtieren, ist aber in der Homöopathie ein Heilmittel), breit machten, fehlte er in abgelegenen Gebieten. Die Sennen und Hirten warfen den Mist vielerorts in Tobel, anstatt ihn von der Sennerei ausgehend zu verbreiten. Im Oberland, westlich der Greina, aber auch in Vals, war es noch lange Zeit üblich, leichter gebaute Ställe alle paar Jahre zu versetzen. Der Boden konnte sich so von der temporären Übernutzung erholen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm wegen der Industrialisierung die Zahl der bestossenen Alpen ab. Mit der einsetzenden Industrialisierung zogen Arbeitskräfte aus den verarmten Berggebieten fort. Eine Arbeit beim Bau der Passstrassen oder im aufkommenden Tourismus war lukrativer. Zudem lockte eine vermeintlich goldene Zukunft in Amerika oder Russland. Manche Alp in Graubünden drohte zu verlottern.

Einerseits fehlten die Arbeitskräfte, andererseits wurden die Kühe und ihre Milch wegen der Zuwanderung im Tal gebraucht, wo Textilmaschinen standen und Menschen hungerten. Tendenziell wurde dann das Gras in den Alpen geschnitten und ins Tal gebracht. 1815 bracht der Vulkan Tambora in Indonesien. Es war nach Ansicht heutiger Forscher der grösste Vulkanausbruch in den letzten 20'000 Jahren. Die Asche bedeckte den Himmel derart intensiv, dass in Europa der Sommer praktisch ausfiel. Eine unglaubliche Missernte führte zu Hunger und Elend. Die gute Seite dieser Katastrophe war ein Innovationsschub in der Landwirtschaft. Das Wissen über den Feldbau und die Tierhaltung sollte nicht mehr nur den Bauern überlassen werden. Landwirtschaft wurde zum Forschungsgegenstand und die landwirtschaftlichen Schulen und Messen das Ergebnis. Ab 1850 kamen auch die Alpen in den Fokus der Wissenschaft. 1863 wurde der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband (SAV) zwecks "Hebung der schweizerischen Alpwirtschaft" gegründet. Die Basis bildeten die Alpstatistiken, die ab 1864 erhoben und 1890 verbessert wurden. Die Schweizer Alpstatistik 1892-1912 entwickelte sich während Jahrzehnten zu einem internationalen Standartwerk. Sie diente als Grundlage für Fördermassnamen, etwa durch das Bundesgesetz von 1951 über die Förderung der Landwirtschaft, der Einbezug der Alpgebiete (1957), und die erstmals ausgeschütteten Sömmerungsbeiträge (1980). Seit 2002 können sie an Bedingungen, beispielsweise ökologische Auflagen geknüpft werden. Diese Verbindung geschah schon vor 100 Jahren, als Bergkantone wie Graubünden damit begannen, die Stosszahlen für die Alpen zu definieren. Bei der Festlegung orientierte sich Graubünden an den Erfahrungswerten der Genossenschaften und Kooperationen, denn die Bedingungen sind extrem unterschiedlich und hängen von der Sonneneinstrahlung, der Wasserverfügbarkeit und des durchschnittlichen Klimas ab.

Doch dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Alpen aus Sicht des Alpwirtschaftlichen Vereins uneffizient genutzt wurden. Die Organisation atmete den Geist des jungen Bundesstaates, dessen liberale Gründergeneration das Land modernisieren wollte. Aus heutiger Sicht wirken die Berichterstattungen etwa von H. Strüby etwas belehrend. Jedenfalls schreibt er über Somvix kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert, die Gemeinde verfüge über 13 grosse kommunale Alpen und über ein geringes Interesse für die "Hebung der Alpwirtschaft." Dieser Begriff ist immer wieder zu finden, nicht nur für die Greina-Region findet er Anwendung. Er gilt für ganz Graubünden. Weiter schreibt er, es wäre vom allgemeinen volkswirtschaftlichen Standpunkt aus zu begrüssen, wenn von solchem Überfluss durch Verkauf ein Teil der Alpen in andere Hände käme. Diese regere Tätigkeit würde zu mehr Wohlstand für alle führen. Mit anderen Worten: Die Alpen werden ein Wirtschaftsgut, Kühe werden mit Kennleistungen beschrieben, Effizienz und Management wird gefordert. Es geht nicht mehr darum, die eigene Familie zu ernähren, sondern einen Beitrag zur Volkswirtschaft zu leisten. Mit diesen neuen Anforderungen werden die Bauern nun zunehmend konfrontiert. Sie sollen sich und ihre Lebensweise hinterfragen, obgleich sie wiederum im ganzen Land glorifiziert werden. Die Einführung der Schwing- und √Ñlperfeste sind nur wenige Jahrzehnte alt und dienen der Herausbildung eines Schweizertums. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schickte die landwirtschaftliche Kommission Graubündens Berichterstatter aus, die dann in Wandervorträgen und Büchern ihre Kritik und Forderungen festhielten, wie etwa die Einführung einer Taxe für Sommerweiden, um den Nutzern den Begriff vom Wert dieser Güter beizubringen, den sie gegenwärtig nicht kennen würden, weil die keine Gegenleistung zu tragen haben.

Immerhin wurden in Graubünden 1910 noch 882 Alpen bestossen und die Alpwirtschaft bot Arbeit für 22'000 Arbeitskräfte : dies allerdings nur für die drei Monate der Alpzeit. Dennoch: Die Ernährung auf der Alp war gut, und mancher Bursche nutzte die Gelegenheit, während des Sommers wieder zu Kräften zu kommen, auch wenn der Lohn schlecht war. Ein Senn bekam noch in den 1940er Jahren für die drei Monate Arbeit in verantwortlicher Stellung nur 500 Franken. Dafür musste er nicht nur Käse herstellen, er sollte etwas von Tieren verstehen, Krankheiten erkennen, sie therapieren und deshalb auch verschiedene Kräuter mit medizinischer Wirkung einsetzen können. Von den 822 Alpen waren 572 Gemeindealpen, 151 Genossenschaftsalpen und 77 Privatalpen. 7 waren damals noch im kirchlichen Besitz. Total wurden sie mit 72308 Stössen belegt.


Literatur: 

Dr. K. Gutzwiler, Hirtentum und Alpwirtschaft und Handelsverkehr über die Alpen in der Pfahlbauzeit. Buchdruckerei Zimmermann, Waldshut.
Die Vieh- und Weidealpen an de Koblenz/Schweizer Nordampe des Lukmaniers, Verlag Sprecher, Eggerling und Co, Chur.
Strüby, die Alpwirtschaft im Kanton Graubünden, Verlag Vogt und Schild, Solothurn 1909.
Genossenschaften: Gemeinsam erfolgreich, Verlag Seegrund, St. Gallen, 2012.
Weiss: Das Alpwesen Graubündens, 1941. Eugen Rentsch Verlag Zürich.
Die Alpwirtschaft im Kanton Graubünden. Hrsg Schweizerischer alpwirtschaftlicher Verein. H. Strüby, Verlag Vogt und Schild Solothurn, 1909.
Carli Giger : Die Vieh- und Weidealpen an der Nordrampe des Lukmaniers, Verlag Sprecher, Eggerling und Co, Chur
Prof. Heer, Bündner Volksblatt 1846: Alpwirtschaft.
Jubiläumszeitschrift 150 Jahre Alpwirtschaftlicher Verein 2012: Die Alpwirtschaft im Wandel der Zeit

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Alp Diesruth: Im Widerstreit der Intressen
Die Alp Diesruth stand über Jahrhunderte zur Disposition zwischen Tessinern und Bündnern, die gleichermassen die raren Alprechte beanspruchten. Heute fährt sie durch ruhigere Gewässer.

Der Name Diesruth ist aus dem Lateinischen hergeleitet eine Verbindung der Wörter dorsum (Rücken) und rumpere (zerbrechen). Romanisch: dies (Rücken) und rumper (zerreissen, zerbrechen). Die Beschreibung trifft auf den Übergang in die Greina zu, die wie ein eingeschnittener Grat wirkt. Diesrut gehörte wie die Greina aus Vriner Sicht den Tessinern. Dennoch besassen die Lugnezer das historisch verbriefte Recht die Weiden für die Pferde zu nutzen. 1984 schrieb Retus Sgier über die geschichtliche Entwicklung der Alp Diesrut und der Alpgenossenschaft eine Diplomarbeit im Rahmen der Lehrerausbildung. Er war der Neffe des damaligen Präsidenten der Alpgenossenschaft Vinzens Walder. Laut Sgier wurde 1615 in einem Gerichtsurteil erwähnt, dass die Semioner vor etwa 125 Jahren die Alp Diesrut gekauft hätten. Vor Gericht verlangten die Vriner, dass sie einen Teil der Alp nutzen dürfen, aber sie bekamen nicht Recht. Das Urteil zeigt, dass die Semioner nicht nur Diesrut, sondern auch Zamuor besassen und darüber hinaus ein Schneefluchtrecht bis auf die Vriner Allmend. Das Urteil lässt aber vermuten, dass die Veräusserung der nahegelegenen Alp Diesrut wohl eher kurzsichtig war und dass schon bald Bedarf an diesen Weideflächen bestand. Es zeigte aber auch, wie die Alp genutzt wurde. Es spricht von 225 Kuhrechten, wobei ein Kuhrecht zwei Kälbern entspricht. Dies ist eine sehr intensive Nutzung, denn spätere Quellen sprechen 1880 von 60 Kühen, 20 Stück Galtvieh und 25 Schweinen, die im Sommer auf Diesrut leben. Auch der Alpberichterstatter Alfred Strüby gibt 1909 eine Stosszahl von 120 Stück Vieh an.

Aus Feuern geboren

In seiner Arbeit beruft sich Sgier auf verschiedene Quellen, die von einer Tragödie bei einer Familie Nöckel schreiben. In der Nacht des 14. Februar 1593 soll Christen Nöckel "Mutter und Schwester getötet, Haus und Stall angezündet" und die "Brandfackel in den Wald hinein" getragen haben, so dass der ganze Waldbestand gegen die Alpen Diesrut und Ramosa dem Feuer zum Opfer viel. Jedenfalls scheint vor dieser Zeit in dem Gebiet Wald existiert zu haben und danach nicht mehr. Dass einmal Wald existierte, bestätigt 1942 auch Victor Albrecht, Alphirte in Diesrut. Als man die Pflöcke eines Zauns etwa einen Meter tief in die Erde graben wollte, stiess man auf Wurzelrückstände.

Sollte es tatsächlich zu einem solchen Waldbrand gekommen sein, hat dies Bewirtschaftung von Diesrut verändert. Einerseits entfiel die Schutzfunktion des Waldes, andererseits gewannen die Semioner sehr viel Weideland. Umso wichtiger war das Schneefluchtrecht, denn die Tiere hatten ohne Wald weder Schutz noch Unterstand. Brennholz musste in späteren Jahrhunderten sogar von anderen Alpen herantransportiert werden ‚Äì etwa von der abgelegenen gegenüberliegenden Talseite Prau da Tschef. Später kauften die Semioner, das auf der Alp benötigte Holz von den Vrinern. Zwischen 1900 und 1910 spannten sie ein Stahlseil, zwischen den Alpen, was die Arbeit erheblich erleichterte. Der Alphirt aus den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts erinnerte sich gegenüber Sgier auch noch an die Milchverarbeitung in Diesrut im ausgehenden 19. Jahrhundert. Es gab auf der Alp zwei Sennereien. In der oberen Hütte wurde Butter, Käse und Zieger hergestellt. Die Produkte wurden zweimal wöchentlich mit zwei Eseln über die Greina nach Ghirone ins Tessin gebracht und von dort nach Semione weiter transportiert. Im Bereich der unteren Hütte befanden sich rund 30 Milchkühe und ein Unterstand für die Schweine. Hier wurde Käse produziert, von denen täglich zwei Laibe nach Puzzatsch gebracht wurden. Dort gab es einen Käsekeller, weil eine Lagermöglichkeit auf der Alp Diesrut fehlte.

Auf Diesrut existierte also offensichtlich die von den später auftretenden Alpberichterstatter monierte Kultur des Überlagerns nicht, bis die "Butter einen Bart" bekam. Wie im einleitenden Text erwähnt, kamen jedes Jahr am 7. September 10 bis 15 Semionerinnen und brachten den Käse nach Vrin, wo er mit Fuhrwerken über den Lukmanier in das Heimatdorf transportiert wurde. Am 8. September feierten die Damen in Vrin mit der einheimischen Bevölkerung eine gemeinsame Messe, tanzten, assen einen Festschmaus und machten sie sich mit den Schweinen und Kühen auf den Rückweg nach Semione. Die Aufteilung der Milchverarbeitung zwischen oberer und unterer Hütte wurde bis 1909 beibehalten. Dann wurde nur noch im oberen Teil gekäst. Ab 1912 wurde die Alp zunehmend mit Galtvieh bestossen. Bis 1918 sömmerten noch 20 bis 30 Kühe. Ab 1930 wurde die Milchwirtschaft ganz aufgegeben. Sgier schreibt 1984 in seiner Arbeit von Ruinen auf der Alp und meint damit die eingefallene obere Hütte, den Schweinestall und eine Hütte damals "Silla Val" genannt, die wohl als Hütte des Alppersonals diente. Diese Hütte lag zwar für die Beweidung ungünstig, hatte dafür am Weg zwischen Vrin und der Greina für den Transport eine gute Lage.

Tragische Schicksale

Die Alpstatistiken aus dem Jahre 1909 beschreiben Diesrut als 520 Hektaren gross Alp von denen 100 Hektar unproduktiv seien. Die Alp liegt auf einer Höhe zwischen 1808 Meter über Meer und 2450 Meter über Meer. Sie wird von einem Wanderweg durchschnitten, der von der Vrin auf die Greina führt. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde sie 54 Kühen, 13 Galt- und Zeitkühen, 18 Rindern, einem Stier, drei Eseln, und 20 Schweine bestossen.

Die Alp Diesrut wurde damals noch von den Semionern geprägt. Für ihre Nutzung nahmen sie Nachteile in Kauf. Wegen der hohen zu überwindenden Pässe reduzierte sich die Alpzeit manchmal auf kaum noch zwei Monate. Diese schwierigen Umstände waren wohl auch der Grund, weshalb oft nicht so viele Tiere in Diesrut sömmerten, wie dies möglich gewesen wäre. Sgier spricht in seiner Arbeit von Unterbewirtschaftung ‚Äì jedenfalls führte dies seiner Interpretation zufolge zu allzu glatten Hängen und dadurch 1917 zu einer schweren Lawine, welche die untere Hütte mit Steinfundament wegfegte. Für die Semioner war dies wohl ein weiterer Stein im Mosaik, das auf einen Rückzug hinwies. 1900 gerieten die Semionerinnen während des Alpabzugs auf der Greina in einen Wintereinbruch. Ein Mädchen blieb zurück, wollte die Schweine retten, verirrte sich und wurde schliesslich tot aufgefunden. 1918 kam der langjährige Säumer und Senn auf dem Rückweg ums Leben. Gegen den Rat eines Vriner Bauern brach er bei Schneetreiben auf, da sein Esel den Weg kenne. Er blieb verschollen bis man seine Leiche auf der Alp Camadra fand. Semione verpachtete die Alp Diesrut zwischen 1920 und 1922 und schrieb sie 1925 zur Versteigerung aus. 1920 pachtete sie eine Gemeinschaft der Nicht-Bürger von Brigels. Es war ein Zusammenschluss all jener, die zwar Bauern im Gebiet Brigels waren, nicht aber Ortsbürger und deshalb keinen Zugang zu den eigenen Alpen hatten. Die Brigelser verweigerten zwei Jahre lang den Zugang, obwohl genügend Land vorhanden gewesen wäre. Doch auch die Brigelser hatten ihre Probleme, als sie die Alp zuerst mit Kühen bestiessen. Weil die Alp von den Tessinern nur noch mit Galtvieh bestossen wurde, fehlten nun die Einrichtungen für eine Milchwirtschaft. Die Käsekeller waren schon bald voll und es mussten in Vrin Lagermöglichkeiten hinzugemietet werden. Im unteren Teil gab es zudem zuwenig Weiden, sodass das Galtvieh schon früh steigen musste, und damit Wiesen abgraste, die später einen höheren Ertrag gebracht hätten.

1925 ersteigerte ein Pachtkonsortium der Brigelser Nicht-Ortsbürger und Vriner Bauern die Alp von Semione und gründete daraufhin die Alpgenossenschaft. Die Vriner durften die Hälfte der Weide Uauls zur Sömmerung nutzen. Seit die Ställe neu gebaut wurden, besteht auch das alte Schneefluchtrecht nicht mehr. Eine Sennerei gibt es seit 1930 nicht mehr. Nicht die Käseproduktion steht im Zentrum, sondern die Aufzucht.

Zum Inhalt der Genossenschafts-Statuten gehörte die Bestimmung, dass das Alprecht jeweils nur an einen Nachkommen der Unterschreibenden vererbbar war. Von 1926 an wurden die Milchkühe der Genossenschafter nicht mehr in Diesrut gesömmert, sondern anderswo untergebracht. Diesrut wurde zur reinen Galtviehalp. Die 160 Stossrechte, die geschätzt wurden, füllten die Genossenschafter mit Fremdvieh, wenn nicht genügend eigenes Vieh vorhanden war. Die Bewirtschaftung mit Galtvieh war einfacher und weil sich die Aufnahme von fremdem Vieh als lukrativ erwies, pachteten die Genossenschafter zwischen 1926 und 1951 die Greinaebene hinzu. Im Pachtvertrag mit der Tessinergemeinde Aquila wurde festgeschrieben, dass die Hirtenhütte der Greina zwar verbessert werden darf, dass sie aber Eigentum Aquilas bleibt. Das hatte zur Folge, dass sie verfiel. Der ausgehandelte Pachtzins für die Alp Greina betrug bis 1940 900 Franken im Jahr. 1940 wollte in Auqila auf 1300 erhöhen, was die Alpgenossenschaft Diesrut mit folgenden Argumenten ablehnte. Einerseits sei das Pachtgebiet zu lange schneebedeckt und die Weidezeit zu kurz und die Hütten seien in einem mangelhaften Zustand. Die Pachtvorstellungen von Vrin beliefen sich auf 600 Franken, man einigte sich auf 700 Franken - unter der Bedingung, dass die Alpgenossenschaft eine Hirtenhütte und einen Steg über den Somvixer-Rhein erstellte. Während des 2. Weltkrieges war die Armee in der Greinaebene und erstellt dort elf Militärbaracken. 1945 mietete die Alpgenossenschaft für sechs Franken pro Tag einer dieser Baracken, sodass das Hirtenhüttenproblem gelöst war. Bei den Verhandlungen um eine neuerliche Pacht der Greinaebene verlangte Aquola soviel, dass keine Einigung mehr zustande kam. Gespannt blieb auch das Verhältnis zwischen der Alpgenossenschaft und der Bürgergemeinde Brigels, obwohl sie in Diesrut gemeinsame Interessen verband. Dies zeigt die Ablehnung des Brigelser Vorschlages von 1934, die Alpgenossenschaft solle ihre Kühe auf Brigelser Alpen weiden lassen und im Gegenzug 50 Rinder aufnehmen. Die alpgenossenschaftliche Gegenrechnung lautete: die Aufnahme von 35 Rindern ‚Äì mehr wäre ein Verlust. Die Stimmung war so gereizt, dass Brigels an Mitte der 1940er Jahre den gemeinsamen Pachtvertrag mit der Genossenschaft nur jährlich erneuern wollte ‚Äì oder eben nicht. Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt und die Brigelser Kühe sömmern auf den Alpen der Gemeinde Brigels, die brigelser Rinder, die dort keinen Platz finden auf Diesrut. Natürlich gegen die üblichen Taxen.

Die Auseinandersetzungen zeigen jedoch einmal mehr, dass früher der Alpboden einen grösseren Wert hatte. Es war nicht egal, ob einige Rinder mehr oder weniger weideten, wenn dafür im Winter teureres Futter hinzugekauft werden musste. Wie aus den Bedingungen für die Hirtenanstellung hervorgeht, arbeiteten auf der Alp Diesrut jeweils drei Zuhirten. 1931 betrug der Lohn 2’000 Franken für den Sommer, eine Kuh durfte kostenlos mitgenommen werden und die Genossenschafter verpflichteten sich, bei schlechtem Wetter zu helfen. Bei späteren Verträgen ging zwar der Lohn sehr moderat hoch, doch die Verpflichtung zu helfen, verfiel. Ab 1952 steigen die Löhne stark an und es wird immer weniger verlangt. Die Entlohnung der Alphirten passt sich offensichtlich der wirtschaftlichen Lage an.

Victor Albrecht, Alphirte auf der Diesrut erzählte Retus Sgier, wie das Leben als Galthirte 1925 war. Er verbrachte den Sommer in der gleichen Hütte, die in Toni Halters Roman "Il Caval√© della Greina" eine zentrale Rolle spielte. "Ich hauste zusammen mit drei Knaben. Uns standen zwei Pritschen übereinander, eine Kochstelle und eine Sitzgelegenheit zur Verfügung." Über die 1938 als Ersatz für die zerstörte Hütte "Silla Val" erbaute Hütte Zamuor sagte Albrecht: "Die Hütte war erbärmlich. Der Wind pfiff durch die Ritzen, die ich mehrmals mit Dreck und Kuhfladen zugepflastert habe. Auch die Innenausstattung liess zu wünschen übrig. Eine Strohpritsche, eine Feuerstelle sowie eine Sitzgelegenheit. Die Hütte glich eher einer Höhle als einer Behausung." Deshalb sagte Albrecht: "Die Militärbaracke oben auf der Greina war später viel komfortabler. Wertvoll war auch der Steg über den Somvixerrehin. Vorher mussten wir oft den ganzen Tag in nassen Schuhen in der Kälte herumlaufen. Ich habe deshalb selber einen Steg erbaut, doch leider wurde dieser durch ein Hochwasser weggeschwemmt." Weiter fährt er fort: "Das Wetter auf der Geina machte nie halbe Sachen. Ich erinnere mich an den Sommer 1948. Einmal geriet das Vieh schutzlos in ein fürchterliches Hagelwetter. Das Vieh hatte aufgeschürfte Ohren, blutverkrustete Ränder und Mäuler. Das Gras war gefroren und durch das Eis messerscharf. Die Greina war während des Sommers 30mal mit Schnee bedeckt." Irgendwann, zwischen 1950 und 1970 hörte die Alpung von Geissen und Schweinen auf. Es schien nicht mehr lukrativ. Seither halten die Sennen nur noch eine Milchkuh für den Eigenbedarf.

Retus Sgier hat die Protokollbücher der Alp Diesrut studiert. Er kommt zum Schluss, dass es innerhalb der Alpgenossenschaft auch Meinungsverschiedenheiten gab. Meist ging es um Fragen, die schnell existentiell wurden, denn reich waren die Bauern nicht. In den Statuten wurden beispielsweise festgehalten, dass alle Genossenschafter gezwungen waren, ihr Vieh selber auf Diesrut zu sömmern und die Taxen dafür zu bezahlen, wenn nicht genügend Fremdvieh angemeldet wurde. Das war 1937 und 1972 der Fall. Doch 1972 hielten sich zwei Genossenschaftsmitglieder nicht daran, doch die Gemeinschaft einigte sich im Sinne einer Verwarnung gütlich. Als dies noch einmal passierte, wurde den Beiden eine Rechnung präsentiert, welche der Alp Diesrut bei der Sömmerung zugeflossen wäre. Es kam zum Streit und die Herren wurden aus der Genossenschaft ausgeschlossen. Weil der Entscheid angefochten wurde, einigten sich die Alp und die Ausgeschlossen 1978 auf eine Entschädigung von 4’000 Franken plus Gewinnbeteiligung aus dem Ertrag der nächsten 25 Jahre.

 

Hohe Investitionen

Auch bei der Neuschaffung der Statuten 1977 ist der Passus wieder aufgenommen worden, dass jeder Genossenschafter bei Viehmangel sein Galtvieh auf Diesrut sömmern muss. Zu diesem Zeitpunkt besteht die Genossenschaft noch aus vier aktiven Mitgliedern. Die restlichen Genossenschafter sind zu alt oder keine Bauern mehr. Doch in Wahrheit ruht die Last des Unterhalts der Bauten, der Organisation der Bewirtschaftung, nur noch drei Schultern. Ein Bauer hatte den Hof seinem Sohn übergeben, der es ablehnte das Alprecht von Diesrut zu übernehmen. Diese drei hielten die Infrastruktur im Schuss und organisierten die Renovationen von Stallungen, die beispielsweise 1983 90’000 Franken kosteten. Auch heute kostet der Unterhalt viel Geld. 2011 wurden 260'000 in die Wasserversorgung und Tränkeanlage investiert und dieses Jahr (2014) steht die Renovation und Erweiterung oberen Hütte an. Geschätzte Kosten: 136'000 Franken.

In den Statuten steht zwar, dass ein Genossenschafter sein Alprecht verkaufen darf, dieses aber zuerst der Genossenschaft anbieten muss. 1977 beantragte der Erbe eines Alprechtes, der aber Genossenschafter war, den Verkauf der ganzen Alp Diesrut, da sie nur so gewinnbringend sei. Die Genossenschafter gingen auf die Idee nicht ein. Dennoch zeigt der rege Kauf und Verkauf der Alprechte auf Diesrut, dass auch im Lugnetz die Moderne eingekehrt war: Jugendliche zogen fort, andere dehnten ihren Bauernbetrieb aus und wiederum andere glaubten, ein wenig spekulieren zu können. Bereits in den siebziger Jahren sömmerten nur noch drei Genossenschafter ihr Vieh auf der Alp Diesrut.

Heute hat die Alpgenossenschaft Diesrut noch neun Mitglieder. Zwei aus Morrissen schicken im Sommer Tiere dorthin. Die restlichen Tiere kommen von 11 Bauern aus der Region Illanz. Drei liefern ihre Tiere aus dem Unterland. Ein Bauer schickt seine Tiere von Gächlingen (Schaffhausen) und einer von Andelfingen (Zürich) aus auf die Alp Diesrut. Beide sind schon seit rund 30 Jahren dabei erklärt Alexander Caduff, Präsident der Genossenschaft Alp Diesrut. Er selber hat seinen Hof an seinen Sohn übergeben und dieser alpt auch heute noch. Alexander Caduff hat die Bauern aus Gächlingen und Andelfingen per Inserat in einer Bauernzeitung gefunden, als er freie Weideplätze auf Diesrut hatte. Das gilt auch für den dritten Bauern, der aus Wäggis stammt. Er hat ihn vor 10 Jahren akquiriert. Heute macht man dies im Internet. Pro Kuh wird 100 Franken während der 90-tägigen Alpzeit bezahlt. Hinzu kommen noch 330 Franken Alpbeitrag pro Tier, welche die Genossenschaft als Alpbesitzerin kassiert. "Wenn die Beiträge auf diesen Niveau bleiben, hat unsere Alp auch eine Zukunft", erklärt Alexander Caduff.

 

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Lampertsch-Läntaalp: Von intensiver zu extensiver Nutzung

Die Lampertsch- und die Läntaalp wurden über Jahrhunderte aus dem Bleniotal bestossen. Mehrere Familien sömmerten das Vieh in dem von mächtigen Dreitausendern gesäumten Hochtal. Heute ist die Nutzung viel extensiver. Auch die Alpkäserei ist Geschichte.

Kleine weisse Punkte und ein gelegentliches Blöken: 850 Schafe verlieren sich in der Weite der steilen Wiesen oberhalb der Alpgebäude der Lampertschalp. Ein mächtiger Wasserfall begrenzt ihr Weideland. Der Länta-Gletscher, von dem heute nur noch ein kümmerlicher Rest übrig geblieben ist, und der Valser Rhein haben dieses von mächtigen Gipfeln gesäumte Hochgebirgstal geprägt. Die Weiden an den Hängen hat der Gletscher geformt, das fruchtbare Schwemmland im Tal der Fluss. Talabwärts machen 50 Mutterkühe, ihre Kälber und eine Schar Rinder im stotzigen, von Felsen durchzogenen, aber weniger steilen Gelände Mittagspause: Einige haben es sich auf dem Alpweg bequem gemacht. Es ist eine teils neue, teils wieder entdeckte, im Vergleich zu den heute üblichen, hochgezüchteten Rassen viel berggängigere Vieh-Generation: Schottische Hochlandrinder, Pinzgauer Rinder, Tiroler Grauvieh. In die steilen Hänge, wo einst Jungvieh geweidet hatte, das kaum grösser war als die heutigen Schafe, treibt sie Alois Stoffel dennoch nicht. "Sie würden problemlos zurecht kommen. Aber sie sind einfach zu schwer. Wir hätten schon nach wenigen Jahren erhebliche Trittschäden". Die Tiere stammen von Bauern aus der Region Ilanz, sie werden noch wie seit Urzeiten in einem Alpaufzug auf die Lampertschalp getrieben.

Stoffel bewirtschaftet die Alp zusammen mit seiner Gattin seit 1998. Eine eigene Landwirtschaft hat er nicht. Schon sein Vorgänger, der während 25 Jahren hier gealpt hatte, hatte den eigenen Betrieb aufgegeben und im Winter als Skilehrer gearbeitet. Mit dem Alpkäsen hat Stoffel vor einem Jahrzehnt aufgehört. Die Lust sei ihm angesichts der immer schärfer werdenden Hygiene-Vorschriften vergangen. Die Investitionen wären in keinem Verhältnis zu den erzielbaren Erträgen gestanden. Heute wäre es aber auch kaum mehr möglich, Alpkühe aufzutreiben. Die Bauerfamilien aus Ilanz und Umgebung, die seit mehreren Generationen ihr Vieh auf der Lampertschalp sömmern, haben alle auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Und die auf Hochleistung getrimmten Milchkühe aus dem Flachland kämen mit der kargen Kräuterkost auf der Alp kaum mehr zurecht. Die Milcherträge wären zu gering. Zudem ist selbst der Ausschank von Rohmilch heute verboten ‚Äì sie müsste zuerst pasteurisiert werden. So dient die Alp nur noch der reinen Fleischproduktion, während ein Helikopter Brausewasser und andere moderne Köstlichkeiten zur nahen Länta-Hütte am Fusse des gleichnamigen Gletschers fliegt. Dort entspringt der Valser Rhein. Vor vielen Generationen wurde auch die Länta-Alp noch mit Grossvieh bestossen. Auch Käse wurde hergestellt. Seit einem guten Jahrhundert weiden hier aber nur noch Schafe. Auf der Länta- und der Lampertschalp wurden noch bis in die 1950er-Jahre bis zu 2000 Schafe gealpt. Die Schafzahl ist heute auf 850 gesunken.


Ein Bild aus den 1950er-Jahren, als die Lampertschalp noch weit intensiver bewirtschaftet wurde.

 

Regina Capaul hat als junge Mutter von zwei Kleinkindern die Sommer 1965 und 1966 auf der Lampertschalp verbracht. Zusammen mit ihrem Bruder und vier Buben bewirtschaftete sie die Alp. Sie war zuständig für den Haushalt, die Alpkäserei und die Butterproduktion. Zu den 28 Kühen kamen 35 Zuchtstierkälber, 100 Rinder und 1300 Schafe. Ihr Bruder hütete die Schafherde, zwei Buben waren für die Behirtung des Galtviehs zuständig, einer für die Stierkälber und einer für die Kühe. Elektrozäune gab es noch nicht. Ein Teil des Rahmes wurde abgeschöpft, um Butter zu produzieren. Die entfettete Milch wurde zu einem Teil verkäst, zu einem andern Teil an die Stierkälber verfüttert.

Zu der Zeit war es schon drei Generationen her, dass die Lampertschalp aus dem Bleniotal bestossen worden war. Um das Jahr 1885 hatte, nach einigen strengen Wintern, der einen Viehauftrieb aus dem Tessin nur mit grosser Verspätung erlaubte, eine über 400-jährige Tradition geendet. 1451 hatten die Gemeinden Valentino, Castro und Marolta einen Drittel der Alp gekauft. Die anderen Teile gehörten einer Tessiner Familie und den "Tautonici", den Walsern aus Vals. Tessiner, Romanen und Valser Familien bewirtschafteten als Pächter die Alp über Jahrhunderte. Manche taten sich in einer frühen Form der Alpgenossenschaften zusammen, manche arbeiteten für sich. 24 Alphütten haben Archäologen nachgewiesen. Es gab auch eine Kapelle, die in den 1920er-Jahren von einer Lawine hinweggefegt wurde. Die Blenieser hatten einen aussergewöhnlich beschwerlichen Weg hinauf zur Alp. Die schwierigste Passage war die Felswand, die es auf dem Weg vom Soredapass auf 2759 Metern hinunter ins Tal zu bezwingen galt. Tonnen von Steinen mussten für den Saumpfad verlegt werden, einige der Stützmauern waren meterhoch. Nur kleine Reste haben sich erhalten. Begangen wurde auch die Bocchetta di Fornee etwas weiter talaufwärts. Der Soredapass war auch für den Fernhandel von einiger Bedeutung. Hatte man diese hohe Hürde einmal gemeistert, ging es vergleichsweise bequem in sanftem Abstieg hinunter nach Vals.

Acht der einstmals 23 Hütten haben sich erhalten. Genutzt werden heute nur noch drei. Der Valser Rhein hat sich wegen der anhaltenden Gletscherschmelze, die auch viel Geröll ins Tal spült, in den vergangenen Jahrzehnten wieder um einiges breiter gemacht. Einer seiner Vorgänger sei schockiert gewesen, erzählt Alois Stoffel, als er nach Jahrzehnten der Alp wieder einen Besuch abstattete. Die besten Weiden habe der Rhein zerstört. Der Niedergang der Lampertschalp hatte aber schon zuvor eingesetzt. In verschiedenen Alpkastastern und Aufzeichnungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Bild einer schlecht gepflegten Alp vermittelt. Das galt offenbar nicht nur für die Lampertschalp. 5‚Äò380 Hektaren auf den 14 Alpen seien nutzbar, heisst es im 1909 erschienen Buch "Die Alpwirtschaft im Kanton Graubünden", als dessen Herausgeber der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verein zeichnet. Für eine "intensive Bearbeitung" fehlten "nötige Hände und nötiger Geist". Autor H. Strüby, der Zentralsekretär des Verbandes, führte den Missstand auf die private Halterung und Käserei zurück. Heu und Dünger würden den Alpzwecken oft "entfremdet", es gebe keinerlei Modernisierung oder Verbesserungsmassnahmen. So sei eine vor Jahren erstellte Wasserleitung auf der Lampertschalp nicht mehr erneuert worden. Bestossen wurde die Lampertschalp zu der Zeit nach einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1901 mit 63 Kühen, 83 "älteren Rindern", 27 Kälbern, zwei Pferden, 1000 Schafen, 40 Ziegen und sechs Schweinen während 83 Tagen. Knapp 20 Jahre später dasselbe Bild: "Es wird wenig geleistet", heisst es im "Bericht über die Alpinspektionen im Kanton Graubünden". Die Bestossung war leicht gesunken. Die jetzigen Pächter brächten "wenigstens jährlich den Dünger aus. Gutes Weideland könnte durch Entwässerung gewonnen werden. Notwendig wäre ein besserer Unterhalt der Alpwege". 1943 wurde die Lampertschalp mit 125 Stück Rindvieh und 500 Schafen bestossen, auf der Läntaalp weideten weitere 1200 Schafe. 1977 waren es 130 Kühe und Rinder, 20 Ziegen und 900 Schafe (zusammen mit der Läntaalp).




Mutterkuhhaltung, auf dem Bild ein Kalb einer schottischen Hochlandkuh, auf der Lampertschalp. Die viel leichteren Rinder belasten die Böden weit weniger. (Bild: Fitze)

 

1957 kauften die Kraftwerke Zervreila AG die Alp von den Tessinern. Mit der Alpwirtschaft hatten sie nicht viel am Hut. Vielmehr sollte oberhalb des 1959 eingeweihten Zervreila ‚Äì Stausees ein Naturdamm gebaut werden, der den Valser Rhein bis zur Alp Länta zurückgestaut hätte. Das Valser Stimmvolk machte diesen Plänen 1989 in einer Urnenabstimmung mit einem Nein zum Projekt einen Strich durch die Rechnung. Inzwischen ist auch ein zweiter Plan, der wohl das Ende des Alpbetriebes bedeutet hätte, in der Schublade verschwunden. Ein kompletter Rückzug des Menschen würde auch das Ende einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft bedeuten. Alois Stoffel hat mit einigen gezielten Eingriffen mit dem Mäher Schneisen in die bereits vergandenden und verbuschenden Flächen geschlagen, um den Schafen die Wiederbeweidung zu erleichtern. Die überdüngten, mit Placken überwucherten Flächen am Talboden hat er immer wieder gemäht und von den Schafen abgrasen lassen. Mit Erfolg. Die Placken sind verschwunden.

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Blenieser Alpen: Vom Wandel der Alpwirtschaft 

Über Jahrhunderte wurden die Alpen im Bleniotal intensiv bestossen. Jeder Grashalm war wertvoll. Um 1900 begann der allmähliche Übergang zu einer extensiveren Bewirtschaftung. Er hält bis heute an. Betroffen sind auch die Alpen im Greina-Gebiet.

Im Jahr 1205 verpflichten sich die Bauern der Gemeinde Semione im Bleniotal zum Unterhalt der Brücke Samino bei Campo Blenio auf Gebiet der Gemeinde Olivone. Sie muss das Gewicht von Zugochsen, Kühen und Pferden tragen können. Die Brücke sichert den Zugang zu den Alpen Berneggio und Camadra. Letztere hat das Patriziat Ghirone dem Patriziat Semione zur Bewirtschaftung verpachtet. Die Pächter sollen selbst besorgt sein für den Brückenunterhalt. Dieses auf der Selbstbestimmung der Bürger (patrizi) beruhende Gemeinwesen regelte die öffentlichen Angelegenheit und die Gerichtsbarkeit im Tal. Die Patriziate entstanden um die erste Jahrtausendwende, als es gelang, sich allmählich aus den Fesseln der kirchlichen und weltlichen Feudalherren zu befreien und eine weitgehende Selbstbestimmung zu behaupten. In die Geschichte eingegangen ist der 1182 beschworene "Eid von Torre", in dem die Blenieser und die Leventiner sich jeglicher äusseren Gerichtsbarkeit verweigerten. Die Patriziate gingen in der modernen Schweiz in die Ortsbürgergemeinden über. Heute sind vieler dieser einstmals stolzen, selbstbewussten Patriziate im Bleniotal überaltert, die Bevölkerung ist stark geschrumpft, und die so enge Bindung an die Land- und Alpwirtschaft wird allmählichen zur fernen Erinnerung.

Die über achthundert Jahre alte, damals nur mündlich geschlossene Vereinbarung zwischen den Patriziaten Ghirone und Semione hat sich dank schriftlich festgehaltener Zeugenaussagen in einem Rechtsstreit erhalten, bei dem es um Nutzungskonflikte um Weiden, Äcker und Alpen im Bleniotal ging. Es ist einer der ersten schriftlichen Belege zur Alpnutzung im Bleniotal überhaupt. Die erhaltenen Akten zeigen eine offenbar schon über Generationen entwickelte Landwirtschaft, in der Besitz und Landnutzung bis ins kleinste Detail geregelt waren. Die Alpen spielten eine zentrale Rolle. Bestossen wurden sie primär mit Kühen, aber auch Schafe, Schweine und Ziegen wurden gesömmert. Manche Voralpen durften erst nach dem ersten Heuschnitt bestossen werden, Pferde und Ochsen hatten auf einigen Alpen ausdrückliches Weideverbot. Es kam auf jeden Grashalm an. Die sich wie ein roter Faden durch das Mittelalter ziehenden Konflikte um die Nutzung des kargen Landes liessen sich letztlich erst lösen, als in einem eigentlichen Wettrennen im Spätmittelalter zunehmend Alpen jenseits der Bergketten auf der unter weniger Bevölkerungsdruck leidenden Bündner- und Urnerseite erworben wurden.


Blickauf Malvaglia, um 1950.

 

Im Kern hat sich diese Bewirtschaftungsweise bis heute erhalten. So ist die Alpe Camadra nach wie vor im Besitz des Patriziats Ghirone und wird‚ wahrscheinlich seit weit über 1000 Jahren - vom Patriziat Semione bewirtschaftet. Doch die Rahmenbedingungen haben sich seit dem 19. Jahrhundert radikal gewandelt. Von diesem Wandel solldie Rede sein: Camadra, Cavallasca und Motterascio ‚Garzotto.

Im Jahre 1895 wurden im Kanton Tessin erstmals Tierzählungen auf den rund 450 Alpen durchgeführt. Neben 16105 Kühen, 6706 Rindern, 603 Kälbern, 168 Stieren wurden auch 7824 Schafe, 33510 Ziegen und 3853 Schweine gealpt. 1909 wurde erneut gezählt, und es zeigte sich ein Rückgang "wie in keinem anderen Alpenkanton", wie es in dem vom Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband erstellten Alpenkataster des Tessins heisst. 11912 Kühe, 4152 Rinder, 1284 Kälber, 131 Stiere, 5768 Schafe, 29152 Ziegen und 3377 Schweine nehmen sich aus heutiger Sicht nicht als gar so dramatischer Rückgang aus‚ heute werden im Tessin kaum mehr 5000 Kühe auf die Alp geführt, von denen ein Grossteil aus der deutschen Schweiz stammt. Der ganz grosse Aderlass sollte erst noch kommen. Die Zahlen belegen aber einen landwirtschaftlichen Strukturwandel, der seine Wurzeln in der um 1800 einsetzenden Industrialisierung, der allmählichen Aufgabe des Ackerbaus und einem starken Bevölkerungsrückgang hat. 1901 wurden auf den 38 Blenieser Alpen insgesamt noch knapp 400 Arbeitskräfte ‚eine knappe Mehrheit Frauen‚ gezählt. Bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 6500 Personen, Kinder und Alte eingerechnet, ist das eine nach wie vor stattliche Zahl. Ob diese Älplerinnen und Älpler auch ausserhalb des Tales rekrutiert wurden, ist nicht überliefert. Es fehle allenthalben an Alppersonal, heisst es im Alpkataster 1909. Die Hauptschuld dafür trage die "grosse Auswanderungslust der männlichen Jugend". Das war eine die Tatsachen verdrehende Unterstellung. Auswandern war keine Lust, sondern eine Bürde, die Tausende Tessiner vor allem im 19. Jahrhundert auf sich nahmen. Die elenden Lebensbedingungen in vielen Tessiner Bergtälern liessen meistens keine Wahl, und vor allem die Neue Welt in Amerika verhiess ein besseres Leben. Eine Ausnahme machten laut Alpkataster die Marronibrater vorwiegend aus dem Bleniotal, die "als volkstümliche und beliebte Kastanienverkäufer" im Winter in "unseren Städten arbeiteten", im Sommer aber ihren "ländlichen Beschäftigungen" nachgingen -ein schiefes Klischeebild, das sich bis heute erhalten hat. Zu der Zeit waren aus vielen Marronibratern schon längst Industriearbeiter geworden. Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Noch um Mitte des 19. Jahrhunderts gingen über 1000 Blenieser einer saisonalen Beschäftigung ausserhalb des Tales nach. Bis zur Jahrhundertwende hatte sich diese Zahl halbiert. In dem halben Jahrhundert zwischen 1850 und 1900 ging die Bevölkerung des Bleniotals von 7687 auf 6363 Einwohner zurück. Am dramatischsten war der Rückgang in Aquila, das 452 seiner einstmals 1171 Bürger verlor. Die Belobigung der Kastanienverkäufer war letztlich ein dem politischen Zweck des Alpwirtschaftlichen Verbandes geschuldetes Wunschdenken: Vom Rathause aus müssten die Alpen verbessert werden, hatte die Parole an der Generalversammlung 1896 gelautet. Sie gilt bis heute.

Ein halbes Jahrhundert später zeigt sich die Landwirtschaft im Bleniotal weiter auf dem Rückzug. Vor allem der Ackerbau ist fast zum Erliegen gekommen. Hatten 1850 noch 24 Mühlen das Mehl gemahlen, waren es hundert Jahre später nur noch deren vier. Die Zeit der weitgehenden Selbstversorgung war vorbei. Der Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft war von 60 auf 44 Prozent gesunken. Viele Kleinstbetriebe hatten aufgegeben. Um 1900 hatte es noch rund 1200 Bauernhöfe mit Flächen von weniger als einer Hektare gegeben. Um 1950 waren es noch knapp 300. Insgesamt hatte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe auf etwa 1000 halbiert. Gleichzeitig war die Produktion stark intensiviert worden. Die Zahl der Rinder und Kühe pro 100 Einwohner verdreifachte sich in den ersten fünf Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Auf einen Betrieb kamen im Durchschnitt dennoch nur gerade ein halbes Dutzend Rinder und Kühe und ein knappes Dutzend Ziegen‚ zu viel zum Sterben, zu wenig zum Überleben. Der Rückgang traf auch die Alpwirtschaft. Deutlich weniger Tiere wurden gealpt. Um die Effizienz zu steigern, wurde die Zusammenarbeit auf den Alpen verbessert. Die über Jahrhunderte übliche private Alpung durch jeden Familienbetrieb, die zu eigentlichen Sommersiedlungen auf manchen Alpen geführt hatte, wurde mehr und mehr aufgegeben. Die Arbeit wurde nun gemeinschaftlich organisiert und an einzelne Mitglieder der Boggie genannten Genossenschaften oder an angestellte Älplerinnen und Älpler delegiert. Der Personalaufwand war noch immer beträchtlich. Auf den 26 Alpen des oberen Bleniotales, zu denen auch die Alpen Camadra, Motterascio ‚ÄìGarzotto und Cavallasca gehören, arbeiteten 1950 noch 79 Personen. Das war eine Halbierung des Personalbestandes. Der Rückgang setzte sich fort‚ bis heute.


Alp Monti die Compietto im Olivonetal, um 1950.

 

Alpe Camadra

"Eine recht grosse und gut geeignete Alp" sei die Alp Camadra, heisst es Tessiner Alpkataster von 1976. Sie liegt im Val Camadra, das sich von Campo Blenio bis zum Greinapass erstreckt, auf einer Höhenlage von 1500 -2490 Meter. Die Alp Camadra gehört dem Patriziat Ghirone, ist aber schon seit langer Zeit an das Patriziat Semione verpachtet. 1901 wurde die Alp während 70 Tagen bestossen und von sechs Männern bewirtschaftet. Gealpt wurden 80 Kühe, 70 Rinder, 1 Stier, 85 Geissen, 22 Schweine und zwei Esel. Rund 1,4 Tonnen Magerkäse, 700 Kilo Butter und 450 Kilo Frischkäse wurden damals produziert. Damit gehörte die Alp zu den ertragreichsten im Bleniotal. Die 5950 Franken, die sich damals erwirtschaften liessen, würden heute etwa dem Zehnfachen entsprechen. Der Bau des 1963 fertig gestellten Luzzone -Stausees tangierte auch die Alp Camadra. Die Weiden im Talgrund sind wegen der Abzweigung einiger Quellen weniger fruchtbar. Als Kompensation baute das Kraftwerk eine Erschliessungsstrasse bis Pian Gerrett auf 2000 Metern. Seither ist die Alp Camadra mit geländetauglichen Fahrzeugen erreichbar. Die Eigentümerin der Alp, das Patriziat Semione, hat das vertraglich zugesicherte Recht, ab dem 10. September auch die tiefer gelegenen Weiden bis zum Wintereinbruch mit Schafen zu bestossen.

Bis in die 1950er-Jahre wurde die Alp gemeinschaftlich genutzt, die Bewirtschaftung entsprach im Wesentlichen jener der Zeit um 1900, wenn auch mit etwas weniger Tieren. 1950 etwa wurden noch 74 Kühe, 59 Rinder, 21 Schweine und 80 Ziegen auf die Alp getrieben. Zur Zeit des Kraftwerkbaus wurden Stallungen und Hütten saniert. Seither ist die Alp an einen privaten Nutzer verpachtet und wird ausschliesslich mit Kühen aus dem Tal und seit drei Jahrzehnten auch mit Schafen bestossen. Einerseits hat die Alp die Tradition der Milchkuh-Sömmerung beibehalten, ja sogar leicht ausgebaut, anderseits ist die traditionelle weitere Nutzung mit Sömmerungsrindern, Geissen und Schweinen komplett aufgegeben und durch die wesentlich weniger personalintensive Beweidung mit Schafen ersetzt worden. Diese grasen heute auch auf manchen Weiden, die seinerzeit von den damals wesentlich leichteren und auch im steilen Gelände trittsicheren Kühen genutzt wurden. Die Stallungen für die Kühe sind modern und mit Melkständen ausgestattet. Es wird nur wenig Gülle ausgebracht. Die stellenweise Nutzung von Waldweiden verhindert wirksam eine Wiederbewaldung. Während die Kuhalp eine der selten gewordenen Erfolgsgeschichten schreibt, mit einem weitherum gerühmten AOC-Alpkäse, bereitet die Schafalp, auf der vorwiegend Schafe aus dem Bleniotal gesömmert werden, einige Sorgen. Bis heute steht keine Hütte zur Verfügung. Stattdessen muss ein Wohnwagen mit dem Helikopter angeflogen werden. Der Bau einer Hütte wird mit 300’000 Franken veranschlagt. Das Geld dafür sei schlicht nicht vorhanden, sagt Michele Tognu, Präsident des Patriziats Semione.

Alpe Cavallasca

Die Alp erstreckt sich von 1450 bis auf 2240 Meter im Val Cavallasca, einem Seitental des Val Luzzone. Laut Statistica Generale delle 465 Alpi Ticinesi (1901) muss man sich auf der Alp einen sehr lebhaften Sömmerungsbetrieb vorstellen. Zwei Männer und neun Frauen weilten während der 60 Alptage auf der Alp. Dafür standen nicht weniger als 14 Ställe und Hütten zur Verfügung. Man wirtschaftete wie im Tal getrennt. Die Alp wurde damals mit 62 Kühen, 44 Rindern, 1 Stier, 200 Ziegen, 21 Schweinen und zwei Eseln für Transportzwecke bestossen. Der durchschnittliche Milchertrag pro Kuh und Tag von fünf Litern lässt auf geradezu zierliche, sehr geländegängige Tiere schliessen. Heute sind 30 Liter zur Norm geworden. Der mit Magerkäse, Butter und Ricotta erwirtschaftete Umsatz von 4100 Franken (zu heutigem Wert etwa 400’000 Franken) lässt erahnen, wie wichtig die Alpen damals auch aus ökonomischer Sicht waren. Ein halbes Jahrhundert später wurde die Alp mit deutlich weniger Tieren bestossen. Im Alpsommer 1950 waren es 56 Kühe, 7 Rinder, 14 Schweine und 110 Ziegen.

Die Alp wurde 1953 im Zuge des Stauseebaus im Val Luzzone mit einem neuen Saumpfad erschlossen, Ställe und Alpgebäude mit einem Aufwand von 100’000 Franken saniert. Zwei der alten Hütten blieben in Verwendung. Das Alpgebiet ist seither verkleinert und wird erst ab einer Höhenlage von 1700 Meter genutzt. 1996 sind die Alpgebäude mit einem Aufwand von 270’000 Franken renoviert worden, eine Melkanlage wurde eingebaut und die Alpkäserei technisch auf den neuesten Stand gebracht, mit Gasheizung und moderner Ausrüstung. Der Niedergang der Alpkäserei liess sich damit nur hinauszögern. Es fehlt vor allem an einem befahrbaren Zugang.

Die Bestossung war schon seit Jahrzehnten rückläufig. Der Tessiner Alpkastaster von 1976 vermeldet noch 55 Stösse in 70 Tagen (Anfang Juli bis Mitte September). In den 1990er-Jahren wurde dieser Wert kaum mehr erreicht. Bis vor zwei Jahren lag die Zahl der gealpten Kühe noch bei etwa 30, dazu kamen 200 Ziegen. Es war immer schwieriger geworden, Alpkühe aufzutreiben. Die für viele Alpen zunehmend wichtigeren Wanderer kommen kaum. Der Weg endet auf der Alp, ein Zugang zur Greina-Hochebene ist zwar für geübte Berggänger durchaus machbar, den einst vom geländegängigen Alpvieh genutzten, heute weitgehend verfallenen und nicht markierten Saumpfad nutzen aber nur noch Gämsen.

Seit diesem Jahr ist die Käseproduktion ganz eingestellt, der Alpbetrieb ist auf Mutterkuhhaltung mit 40 Kühen und ihren Kälbern umgestellt worden. Vom einstigen Hochbetrieb ist nicht mehr viel übrig geblieben. Heute arbeiten noch zwei Personen als Pächter auf der Alp. Für das Patriziat Ghirone ist die Bedeutung der Alp, die jährlich einen Pachtzins von 2’800 Franken einbringt, stark zurückgegangen. Die aus den drei Weilern Baselga, Cozzera und Aquilesco bestehende Kommune zählte im 17. Jahrhundert noch knapp 400 Einwohner. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerungszahl, bedingt durch die starke Abwanderung, bereits halbiert. 1900 wurden noch 81 Einwohner gezählt. Heute sind es knapp 40 vorwiegend ältere Menschen. Es gibt noch zwei landwirtschaftliche Betriebe. Aldo Giamboni, Präsident des Patriziats, ist bei einer Bank in Bellinzona tätig.

 

Motterascio -Garzotto

Mit 250 Franken beteiligte sich das Patriziat Aquila 1891 am Bau eines Saumpfades von der Alp Ratüsc hinauf auf die Alp Motterascio. Die Gesamtkosten lagen bei 1000 Franken. Damit wurde der Viehauftrieb auf die 1750 bis 2540 Meter gelegene Alp Motterascio erheblich erleichtert. Heute ist dieser auch von vielen Wanderern genutzte, für einen Bergpfad unüblich breite Weg sichtlich in die Jahre gekommen und muss dringend saniert werden. 1 Million Franken werden dafür veranschlagt. Das Patriziat unter Präsident Alessio Rigozzi, seit vier Jahrzehnten im Amt, kann das Geld alleine nicht aufbringen und sucht dringend nach Sponsoren. So ändern die Zeiten.

Die beiden Alpen Garzotto und Motterascio wurden über Jahrhunderte von verschiedenen Familienbetrieben getrennt bewirtschaftet, die über je ihre eigene Infrastruktur verfügten. Auf der Alp Motterascio arbeiteten laut Tessiner Alpstatistik von 1901 während 80 Alptagen 2 Männer und sieben Frauen. Je 13 Hütten und Ställe standen zur Verfügung. Bestossen wurde die Alp mit 80 Kühen, 80 Rindern, einem Stier, 200 Ziegen, 4 Schafen und 25 Schweinen. 1,4 Tonnen Magerkäse, 300 Kilo Butter und 300 Kilo Ricotta brachten einen Ertrag von 4’100 Franken (entspricht nach heutiger Kaufkraft etwa 400’000 Franken).

In den 1930er-Jahren liess sich der ineffiziente Alpbetrieb mit verschiedenen privaten Alpbewirtschaftern nicht mehr aufrecht erhalten. Auf Initiative des Patriziates wurde eine Boggia (Alpgenossenschaft) gegründet mit einer zentralen Käserei und einem angestellten Hirten. Dennoch waren die Bestossungszahlen deutlich rückläufig. 1950 trieben die Hirten noch 42 Kühe, 57 Rinder, 10 Schweine und 140 Ziegen auf die Alp. Der Bau des Luzzone-Stausees brachte eine Neu-Organisation der Alpen Garzott, Motterascio und der benachbarten Alp Garzora. Die Alpen Motterascio und Garzotto sind seit 1961 zusammen gelegt, die Infrastruktur wurde inklusive Alpkäserei erneuert. 1957 waren die beiden Alpgenossenschaften fusioniert worden, nachdem sechs Jahre eine Lawine einen Teil der Alpgebäude zestört hatte. Im Gebiet der Alp Garzora, die zuvor noch mit 58 Kühen, 50 Rindern, 150 Ziegen und weiterem Kleinvieh bestossen worden war, weiden seit 1964 nur noch Schafe. Ein Teil der Weiden der Alp Garzotto fiel dem Bau des Stausees im Val Luzzone zum Opfer. Die Alp Garzotto wurde nun mit einem reduzierten Viehbestand (50 Milchkühe und 45 Rinder) als Voralp von Ende Juni bis Mitte Juli bestossen, danach sömmerte das Vieh auf der Alp Motterascio bis Ende August, um im September nochmals auf den Weiden der Alp Garzotto zu grasen. Diese Alp ist mit Fahrzeugen erreichbar. Auf die Alp Motterascio führt eine 1961 gebaute und 1995 erneuerte Transportseilbahn.

Heute wird die Alp Motterascio - Garzott mit 50 Kühen und 40 Rindern bestossen. Die Alpgebäude auf der Hochalp Motterascio sind vor wenigen Jahren erneuert worden. Dazu kommt eine behirtete, 1300-köpfige Schafherde mit Schutzhunden, die im Hochsommer auf der Greina weidet. Die Schafe stammen vorwiegend aus dem Bleniotal und der Region Biasca. Die Nutzung ist weit weniger intensiv als vor einem Jahrhundert, die Weiden sind in einem guten Zustand. Die anstehende Erneuerung des Saumpfades hinauf auf die Alp Motterascio könnte auch so etwas wie eine Nagelprobe für die Zukunft der Alp sein. Denn die 1,1 Millionen Franken müssen weitgehend von Sponsoren aufgebracht werden. Es wäre ein Bekenntnis zum Wandertourismus und zur Alpwirtschaft gleichermassen. Weitere Informationen erteilt Alessio Rigozzi, Patriziato generale di Aquila, 6719 Aquila, 079 222 77 49, e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

 

Weiterer Rückgang wahrscheinlich

Insgesamt ist die Bewirtschaftung der Alpen im Bleniotal heute weit weniger intensiv als noch vor einem Jahrhundert, sowohl, was die Personalstärke als auch die Viehzahl anbelangt. Während immer mehr Rindvieh aus der Deutschschweiz gesömmert wird, werden die Schafe nach wie vorwiegend aus der engeren Region auf die Alpen des Greinagebietes getrieben. Der Prozess scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Der in den vergangenen Jahren schweizweit zu beobachtende Abwärtstrend bei der Bestossung der Alpen könnte die auch im Bleniotal zu beobachtende Verbuschung, in den tieferen Lagen teilweise auch Verwaldung, noch verstärken.

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Alp Greina: Von Pferden und Schafen

Die Alp Greina gehört seit über fünf Jahrhunderten dem Patriziat Aquila. Bis vor einem Jahrhundert weideten Pferde auf den ebenen Flächen. Heute sind sie von Sumvitger Schafen und Tessiner Rindern abgelöst.

Es spukt auf der Greina. Ein Reiter auf einem schwarzen Hengst ist dazu verdammt, ewige Busse zu tun für ein schmieriges Geschäft, das ihn zum reichen Mann gemacht hatte. Er hatte zwei Brüder beim Kauf der Weiderechte für eine Herde Pferde auf der Alp Greina über den Tisch gezogen. Jeder, der den Mann sieht, soll binnen eines Jahres sterben, heisst es. Leo Tuor, in den Jahren 1985 - 1999 auf der Alp Greina als Schafhirt tätig, erzählt die Legende in seinem Buch "Giacumbert Nau". Es handelt von der Einsamkeit des Hirten, einem nachdenklichen Zeitgenossen und Einzelgänger, der im steten Konflikt zwischen Altem und Neuem steht. Auf die Alp bringt ihn ein Helikopter, andere Alphirten bieten ihm das Boulevardblatt zur Lektüre an. Er lebt mit einem einfachen Gasherd in einer in eine Felsspalte gebauten Hütte und hütet seine Schafe, erzählt vom kulturellen Reichtum der Gegend, von Schutzheiligen und von alten Geschichten.Tausende von Wanderern, die alljährlich über die Plaun de la Greina pilgern, die Tundra der Alpen, lassen sich von solchen Geschichten längst nicht mehr abschrecken. Die heute noch rund 900-köpfige Schafherde werden sie kaum zu Gesicht bekommen. Viel zu weitläufig ist die am Talende des Val Somvitg beginnende Alp mit ihren Weiden auf einer Fläche von 1200 Hektaren, die sich von 1400 Metern bis in die alpinen Zonen auf 2600 Metern erstrecken. Im Flachmoor der Greina mit einer Vegetation wie in subpolaren Gebieten weidet vor allem das Rindvieh der Alpe Motterascio. Die Weiden der Schafe liegen in den Seitentälern und den die Greina säumenden Hängen. Die Herde folgt dabei ab Mitte Juni aus den tiefsten Weiden des Somvitg auf 1400 Meter dem sich in den Höhenlagen langsam entwickelnden Sommer bis in die Gipfelhänge der 3000er-Berge und zieht sich gegen den Herbst hin etappenweise wieder zurück.



Wanderer schwärmen von der tundra-ähnlichen Landschaft auf der Greina. Während Jahrhunderten grasten hier Pferde. (Bild: Roland Gerth)

Pferdesömmerung gegen Alprecht

Die Alprechte der Alp Greina gehören seit 1494 dem Patriziat Aquila. Die Verkäuferin, die Talgemeinde Lugnez, bedingte sich das Recht heraus, so viele Pferde während 60 Tagen auf der Alp zu sömmern, wie sie im Winter beherbergen konnte. Damit waren Pferde gemeint, die vor allem als Saumtiere benötigt wurden. Für den Weiterverkauf bestimmte Zuchtpferde waren von der Sömmerung ausgeschlossen. Die Zahl der gealpten Pferde auf der Greina soll in früheren Jahrhunderten in die Hunderte gegangen sein. Beweidet wurde dabei aber fast nur der flache Talgrund, der als ideales Pferdeterrain galt. Die Hänge überliess man den Tessiner Rindern und Schafen. Damit, so glaubten die Lugnezer, hätten sie den Fünfer und das Weggli gewonnen: Den von Aquila zu leistenden, "ewigen" Zins und die besten Weidegründe auf der Greina. Jahrhundertelange Streitereien um diese Zinsverpflichtung waren die Folge, die sich formal erst mit dem modernen Schweizer Zivilgesetzbuch von 1912 lösen liessen, nach dem der Lehensvertrag nach modernem Recht als Kaufvertrag zu gelten hatte. Vorher hatten schon die Fakten gesprochen. Mit dem Eisenbahnbau schwand die Bedeutung der Säumerei fast über Nacht. Den Lugnezern kamen die Pferde abhanden. 1902 wurden die letzten Pferde gesömmert, ein Versuch, stattdessen Fohlen auf die Alp zu treiben, war mangels Nachfrage und geeigneter Gebäulichkeiten ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Im Alpkastaster von 1909 wird die Alp Greina mit einer Fläche von 600 Hektar angegeben, von denen nur 200 produktiv seien. Gemeint war damit der Anteil der Greina-Ebene, der durch die Lugnezer Pferde beweidet wurde. 1924 verpachtete Aquila die Alp an die Alpkooperation Diesruth-Brigels und überging damit die Lugnezer. Seither wird sie nur noch mit Schafen bestossen. Nachdem sie von der Gemeinde Sumvitg übernommen worden war, ging die Bewirtschaftung 2003 an die neu gegründete Alpgenossenschaft Sumvitg über. Der Hirt ist unterhalb der Terrihütte stationiert. Wie viele Schafe früher gesömmert wurden, ist nicht überliefert. Man darf aber davon ausgehen, dass es analog zu anderen Alpen in der Region wesentlich mehr waren als heute. Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren seien es um 1200 Schafe gewesen, erinnert sich Leo Tuor. Heute sind es um die 900. Zulässig wären 2 - 3 Schafe pro Hektar, tatsächlich ist es nur eines. Empfohlen wird für eine künftige Nutzung die Aufgabe der oberhalb von 2400 Meter gelegenen Weiden, deren Biodiversität nicht von der kurzzeitigen Nutzung durch die Schafe abhängig sei. Auf den meisten anderen Weiden beförderten die Schafe, obwohl sie nur auserlesene Kräuter fressen, die Biodiversität, indem sie in der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit für eine Verjüngung der von ihnen begehrten Pflanzen sorgen. Während früher die gealpten Schafe ausschliesslich aus der Gemeinde Sumvitg stammten, hat sich der Anteil der "einheimischen" Tiere bei etwa 80 Prozent eingependelt. Etwa 100 Schafe werden aus Zizers auf die Alp Greina geführt, die übrigen stammen aus der Region Disentis. Die Mehrheit der Schafhalter sind Vollerwerbsbauern, einige haben gänzlich auf die Schafhaltung umgestellt, andere halten eine geringe Zahl Schafe, um die steilen Hänge beweiden zu können. Finanziell lohnt sich das nur sehr bedingt.


Wie ein Tatzelwurm sehen die 1200 Schafe aus, die auf einem extrem steilen Hang von der Greina ins Somvix im Kanton Graubünden absteigen. Drei Hirtenhunde und ein Schafhirt sorgen dafür, dass auch jene, die vom Weg abkommen, ihr Ziel, die Weiden im rund 700 Höhenmeter tiefer gelegenen Talgrund, erreichen. (Bild: Fitze)



Viehaufzug aus dem Bleniotal

Während Jahrhunderten wurden viele Alpen auf der heutigen Bündnerseite im Greinagebiet aus dem Bleniotal bestossen. Als sich die Rahmenbedingungen ungünstig entwickelten, zogen sich die Tessiner um 1900 allmählich zurück.

Als im Jahr 1494 das Patriziat von Aquila im Bleniotal von der Talgemeinde Lugnez die Alp Agrena, die heutige Alp Greina, erwirbt, arrondiert sie ihre Besitztümer nördlich der Wasserscheide zu einem stattlichen Alpgebiet, das vom Val Luzzone über die Greina bis zu Teilen der Alp Blengias im Lumnez reicht. Auch andere Blenieser Kommunen und Privatpersonen erwarben Alpen auf der heutigen Bündnerseite: im Sumvitg, im Lumnez und im Valsertal. Der Alpauf- und abtrieb und der Transport der Alpprodukte waren eine mühselige Angelegenheit: Etwa aus Semione (399 m) durch die Sosto-Schlucht oberhalb von Olivone nach Campo Blenio (1215 m) und weiter durch das Val Camadra hinauf zum Greinapass (2362 m) und über die Hochebene der Greina hinauf zur oberen Canallücke (2655 m) und in südwestlicher Richtung zu den verschiedenen Alpen. Der Hintergrund ist letztlich in der Bevölkerungsentwicklung begründet. Während im Bleniotal gutes Weideland immer knapper wurde, stand dieses ennet der Wasserscheide reichlich zur Verfügung. Das Bleniotal war vergleichsweise dicht besiedelt, einige Gemeinden erreichten ihr historisches Bevölkerungsmaximum im 16. Jahrhundert. Zudem gab es in den norditalienischen Städten reichlich Nachfrage nach Milchprodukten und Fleisch. Die Ausweitung der Alpgebiete nach Norden war auch ökonomisch folgerichtig. In den bevölkerungsarmen Bündner Tälern wie dem Lumnez, Sumvitg oder Vals waren gute Alpweiden quasi im √úberfluss vorhanden. Die Bündner achteten aber sehr wohl darauf, dass sie die besten Weidegründe für sich behielten. Historisch gute Beziehungen der Notabeln trugen das Ihrige zum Handel mit den Alprechten bei. Es kam zu einem regen Austausch, die Märkte im Tessin und in Graubünden waren über Jahrhunderte von beiden Seiten gut besucht. Auf den im Sommer im Vergleich zu heute geradezu dicht bevölkerten Alpsiedlungen erbebte auch manches Herz. Grenzüberschreitende Heiraten und Niederlassungen waren die Folge. Es waren schliesslich die sich verändernden Rahmbedingungen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zum allmählichen Rückzug der Bleniesi aus den entlegensten Alpen führten. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit steigenden Erträgen in den Tälern machte die extrem arbeitsintensive Alpwirtschaft zunehmend unrentabel, der teils dramatische Bevölkerungsschwund führte zu akutem Personalmangel, dem auch mit einer verbesserten Arbeitsteilung durch die Einführung von Alpgenossenschaften nicht mehr beizukommen war. Um 1920 war es mit der Blenieser Herrlichkeit auf den Bündner Alpweiden weitgehend vorbei. Manche Alpen blieben noch über Jahrzehnte in deren Besitz, wurden aber nach und nach verkauft. Heute ist dieses Stück alpwirtschaftlicher Geschichte beinahe in Vergessenheit geraten. Der Park als gemeinsames Projekt könnte sie wiederbeleben.


 

 

 

 

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