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Rumantschs vulains restar



Der Alpenraum ist voller verschiedener Kulturen und Sprachen. Eine typische Alpensprache ist rätoromanisch. Es ist gleichzeitig die einzige Landessprache der Schweiz, deren kulturelles Zentrum in der Schweiz auch hier liegt. Doch wie lange hält es sich noch?

Das Schellenursli-Dorf Guarda steht für eine heile Welt, die aber auch ein wenig zu einem Museum geworden ist.



"Wenn wir schon aussterben, dann wenigstens stilvoll - mit Liedern und  Literatur, einem lachenden und einem weinenden Auge." Linard Bardill gibt sich so, wie man ihn vom Fernsehen und Radio kennt. Der Schalk sitzt ihm im Nacken. Trauer ist seine Sache nicht. Der Autor, Liedermacher und Hansdampf in vielen Gassen thront in Scharans, einem kleinen Ort über Thusis mit Blickrichtung Heinzerberg. Hier verschwindet der rätoromanische Dialekt Surmiran mehr und mehr aus dem Alltag der 3000 Einwohner. Trocken meint Bardill: "Raetia prima ist seit 1500 Jahren auf dem Rückzug. Das ist ein Fakt und keine Katastrophe." Bleibt hinzuzufügen, dass Todgeglaubte ohnehin länger leben. Das zeigt das Beispiel Linard Bardill. Er stammt aus Cazis, wo romanisch schon 1911 aus der Schule verbannt wurde. Seine romanische Mutter flösste ihm diese Kultur sozusagen mit der Muttermilch ein. Und während seiner langen Sommeraufenthalte im Engadin tauchte er in die romanische Welt ein. "Ich träumte romanisch und hielt sie in meinem Traumtagebuch fest." Bardill schreibt und textet auf Romanisch, aber auch auf Deutsch. Wer nicht am Subventionstropf der Kulturförderer hängen will, muss zweisprachig auftreten. Denn nur der deutschsprachige Markt ist für Kulturschaffende gross genug, um sich den Lebensunterhalt verdienen zu können.
Das war schon vor 60 Jahren so, als die Kindergärtnerin Selina Chönz ihren Schellen-Ursli auf Deutsch schrieb. Sie wurde deshalb von romanischen Linguisten angefeindet. Zuvor hatte sie ein Kinderbuch nur auf Romanisch geschrieben - mehr als Hobby, nicht um zu überleben. Doch der Schellen-Ursli wurde dank der Wirkung des Deutschen – und dank der Illustrationen von Alois Carigiet - als Multiplikator in elf Sprachen übersetzt und fast drei Millionen mal verkauft.  

Romanisch, die Sprache des Herzens - deutsch, die Sprache des Geldes: Diese Formel, die Romanen gerne wiederholen, ist für Bardill eine zu grosse Vereinfachung. Gefühle drückt er auf Romanisch aus, philosophische Diskurse auf Deutsch. Und er diskutiert gerne. Bardill fühlt sich in beiden Sprachen zuhause. Es ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass er auf Deutsch und Romanisch schreibt und singt. "Schliesslich bewohne ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung nicht nur zwei Zimmer." Auch sein Freund, der Liedermacher Thomas Cathomen singt romanische Lieder – in seinem Fall auf Surselvisch. Er ist ein lebender Beweis für die Vitalität der dieser Bergkultur. Romanen bewegen sich in den verschiedenen Sprachen wie Fische in den Weltmeeren. Nur noch 12'000 Personen sprechen ausschliesslich romanisch. 19'000 beherrschen deutsch dazu und 7'000 sind drei- oder mehrsprachig.
Cathomen hätte natürlich auch auf Deutsch singen können. Andere Möglichkeiten wären englisch oder spanisch gewesen. Er wuchs in Mexiko auf, wohnte kurz im Grossraum Zürich und kam im Alter von 12 Jahren nach Brigels, wo surselvisch gesprochen wird. Mit 19 entschied er sich am Lehrerseminar bewusst für Romanisch als seine Hauptsprache.
In einem seiner Lieder heisst es:
"Wenn du eine Sprache wärst
würde ich sprechen und hören lernen
Ich würde versuchen, ein Buchstabe zu sein,
wenn ein Wort zu viel wäre,
würde ich mich zwischen die Zeilen schleichen."
Der spielerische Umgang mit Worten, ja sogar mit Sprachen, ist für Romanen eine notwendige Überlebensstrategie. Nur wenn sie gleichzeitig auch fliessend deutsch, möglicherweise englisch und italienisch oder französisch beherrschen, können sie Karriere machen und trotzdem Romanen bleiben.

 

Das Engadin ist berühmt für seine Hausmalereien, den Sgraffitti.

In einem gediegenen Jugendstilhaus an der oberen Plessurstrasse in Chur ist die Lia Rumantscha zu Hause. Die 1919 gegründete Organisation engagiert sich für die Rechte der Romanen, sorgt für die Pflege der romanischen Kultur in den Regionen und fördert „Rumantsch grischun“. Die vom Zürcher Professor Heinrich Schmid entworfene Kunstsprache wurde im August 1982 getauft. Sie wurzelt in den fünf rätoromanischen Sprachen. Ähnlich dem Esperanto verwendeten die Schöpfer jeweils jenes Wort für Rumantsch grischun, das bei den meisten romanischen Sprachen gleich ist. So versteht jeder Romane auf Anhieb einen Teil des Rumantsch grischun. Die Schöpfung der Kunstsprache erschien notwendig, weil die einzelnen romanischen Sprachen für sich kaum überlebensfähig sind.

Fehlende Anerkennung für rumantsch grischun

Die Unterschiede der verschiedenen romanischen Sprachen sind beachtlich. „Ich rede“ heisst auf Vallader „eu discuor“, auf Surmeirisch „ja raschung“, auf Surselvisch "jeu tschontschel" und auf Jauer, das im Münstertal gesprochen wird, "eu tavel". Viele Rätoromanen sprechen deshalb deutsch untereinander, wenn sie mit verschiedenen Muttersprachen aufeinander treffen. Die Lücke sollte rumantsch grischun füllen – die Kunstsprache als Waffe im Überlebenskampf der Kultur. Denn nur 0,5 Prozent der Schweizer haben Romanisch als Muttersprache. 1980 bezeichneten sich noch 51´000 als romanischsprachig. 10 Jahre später waren es 39´000. Inzwischen ist die Anzahl der Menschen weiter gesunken, die aktiv rätoromanisch sprechen. Viele, die eine romanische Sprache sprechen, leben im unterländischen Exil. Sie geben Sprache und Kultur nicht mehr weiter. Eigentlich sollte rumantsch grischun ein Schmelzofen der romanischen Kultur werden. Doch es fehlt die Anerkennung in der Bevölkerung. "In dieser Sprache werden Steuerformulare, Banknoten oder Postanweisungen beschrieben", sagt etwas verächtlich der surselvische Schriftsteller Leo Tuor. Eines seiner Bücher heisst "Onna Maria Tumera". Es handelt von Einarmigen, von Krüppeln - mit und ohne Prothese. Eine Metapher für das rumantsch grischun? Leo Tuor jedenfalls schreibt weiterhin auf surselvisch. Für ihn ist rumantsch grischun nicht mehr als eine lästige Prothese, ein körperfremdes Teil, dessen Nützlichkeit für ihn zweifelhaft ist. Er heisst den unerbittlichen Gang der Geschichte sogar willkommen. "Die rätoromanischen Sprachen wären nicht die ersten Sprachen, die aussterben." Ein Grund für den langfristigen Niedergang der romanischen Sprache und Kultur sieht der Schriftsteller in der enormen Anpassungsfähigkeit der Romanen - auch fremden Sprachen gegenüber. Wenn in einer Gruppe nur eine Person deutsch spricht, wechseln selbstverständlich alle Romanen auf Deutsch. "Wir sind uns gewohnt, Befehle auszuführen und eine Unterhaltung für Fremde so bequem wie möglich zu gestalten", sagt Leo Tuor nachdenklich. Doch dieses Volk liebt auch die Kultur. Von seinem Bestseller "Giacumbert Nau" verkaufte er auf surselvisch 1500 Stück. Das entspricht im deutschsprachigen Raum einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren.
Was ist genehm?

In Zeiten, wo immer weniger Bündner die romanische Sprache pflegen,  leisten sich die Romanen viele Grabenkämpfe. Firmen, die bereit sind, auf Romanisch zu werben, sind verunsichert. Sie wollen nicht gleich in fünf Dialekten und rumantsch grischun auf sich aufmerksam machen. Doch was ist den Romanen genehm? Dort wo rumantsch grischun in Schulen oder Gemeinden eingeführt wurde, ist es umstritten.
Seit 1996 verwenden die kantonalen Behörden rumantsch grischun als Korrespondenzsprache im Schriftverkehr mit der rätoromanischen Bevölkerung. Es gibt aber auch puter im Oberengadin, sutsilvanisch in der Gegend von Thusis, surmeirisch, das man bei Tiefencastel und Savognin spricht und jauer im Münstertal. Alleine surselvisch spaltet sich in 20 weitere Dialekte. Allerdings sprechen die Hälfte der Romanen surselvisch. Sutsilvan im Vorderrheintal beherrschen noch rund 1500, surmiran 3 000, puter 3'500 und vallader und jauer je 5'500 Personen.
Die Lia Rumantscha betreibt eine Art Wortschleuder. Will heissen: Sie kreiert Wörter. Wenn neue Wörter für einen technischen Komplex, zum Beispiel eine Kläranlage erfunden werden müssen, besucht Vertreter der Lia den Betrieb und lassen sich die Vorgänge genau erklären. Erst wenn ich das verstanden haben, können sie ihnen auch einen sinnvollen Namen geben. Die gängigen Wörterbücher der verschiedenen romanischen Sprachen enden 1970. Seither gibt es den "Pledari Grond", ein Nachschlagewerk auf "rumantsch grischun", in dem Hundertausende Neuwörter und die Konjugation aller Verben zu finden sind.
Ob sich rumantsch grischun in den Jahren mit Leben füllt, ist umstritten. Doch bei Sprachen dürfte es sich umgekehrt zum Menschen verhalten. Je älter sie sind, desto lebendiger werden sie. Rumantsch grischun braucht noch sicher noch viel Zeit, bis es voll akzeptiert wird.

Einsprachigkeit ist eine heilbare Krankheit

Jedenfalls wird bei der Lia Rumantscha und ihren Sprachanimateuren in den Regionen Leo Tuors Fatalismus nicht geteilt. Monolinguismo è una malatia, ma è curabile - die Einsprachigkeit ist eine heilbare Krankheit – meinte einmal Rudolfo Fasani, ehemaliger Sekretär der Pro Grigioni, der die Italienischsprachigen in Graubünden repräsentiert: eine Minderheit in der Minderheit. Er sagte: „Die romanische und italienische Sprachen und Kulturen bereichern die Schweiz. Gerade im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir im kulturellen Bereich Vielfalt - nicht Einfalt."
Gerade um diese Vielfalt zu erhalten, werden in den Bündner Tälern etwa in Scuol, oder Schuls wie man auf Deutsch sagt Sprachkurse auf Valader angeboten. Zweisprachigkeit wird dort zum Normalfall, wo nicht die Sprache Objekt eines Kurses ist, sondern die Architektur im Engadin, das Schneidern von Trachten oder einfach Alpenkräuter und Alpenblumen. Der Unterricht ist auf Romanisch, und nur wo es nötig ist, werden deutsche Begriffe erklärt. Eingeladen sind alle, die kommen wollen – egal welcher Muttersprache sie sind. Im Gegensatz zu der französischen und vor allem deutschen Sprachregion der Schweiz muss sich Rätoromanisch mit all seinen Varianten täglich behaupten. Romanische Wörter finden nicht immer Anklang. "Bufafagn" sagt kaum jemand zum Heugebläse. Da lachen selbst romanische Bauern. In der Industrie ist es noch schlimmer. Die Bedienungsanleitungen von Maschinen sind auf Deutsch oder Englisch geschrieben. Wo romanische Begriffe fehlen oder unbekannt sind, wird improvisiert. Auf Surselvisch heisst der Begriff „umspulen“ aus der Textilindustrie einfach "far igl umspulen". Wenn technische Begriffe, dank Zusammenarbeit von Industrie und Lia Rumantscha tatsächlich zur Verfügung stehen, ist es eine andere Frage, ob die Arbeiter plötzlich statt Schalter den aufgeklebten romanischen Begriff "Interrupter" benützen. Wer geht schon mit dem Wörterbuch zum Kollegen in die Werkstatt, wenn dieser die gleiche Sprache spricht?

Einen kreativen Umgang mit der Sprache beweist die Jugend. "Snowboard" heisst offiziell auf romanisch "aissada naiv", was Schneebrett bedeutet. Lockerer geht aber "cutgna" über die Lippen. Das heisst Schwarte und wird sich wohl durchsetzen.
Die Jungen sind es auch, die letztlich entscheiden werden, ob Romanisch eine Zukunft hat. Um diese Entscheidung zu treffen, müssen sie an den Schulen das nötige Rüstzeug mitbekommen. Seit dem revidierten Sprachenartikel unterstützt die Schweizer Regierung den Kanton Graubünden und seine Massnahmen, romanisch zu erhalten. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wurde mit einer Umschreibung der Sprachgebiete getan. Denn zuvor lauerte eine Gefahr in der auf die rätischen Bünde zurückgehende Gemeindeautonomie. Waren die deutschsprachigen Einwanderer einmal in der Mehrheit, wechselten sie die Gemeindesprache auf Deutsch.
Unterstützt wird diese Interpretation vom Bundesgericht. Immer mehr Entscheide kommen in solchen Fragen dem Territorialprinzip entgegen. Wo die rätoromanische Sprache noch verankert ist, wird sie auch geschützt. Das läuft auf ein Reservat für die Romanen hinaus. Doch im Moment scheint sich ein neues Modell herauszukristallisieren: Das Immersionsmodell, das beide Sprachen gleichberechtigt betrachtet. In gemischtsprachigen Gebieten Kanadas wird mit Erfolg französisch und englisch bewusst gleich berechtigt unterrichtet. Immersion (eintauchen) will Schluss machen mit der alten Rivalität zwischen deutsch und romanisch, wo Sieger und Besiegte längst benannt sind. In Ftan bei Scuol, im Sprachraum des Vallader, kann inzwischen auch die Matura auf Romanisch abgeschlossen werden. Das sind hoffnungsvolle Fortschritte. Aber manchmal auf verlorenem Posten. So wird Sutsilvanisch nur noch Donat am Schamserberg hoch über der San Bernadino - Passtrasse unterrichtet. Im modernen Schulhaus arbeitet die Lehrerin mit selbst verfassten Schulbüchern, denn es gibt nur noch eine Klasse, die sie auch nutzen kann. Die Menschen hier leben von der Landwirtschaft und wie in ganz Graubünden nimmt der biologische Landbau eine bedeutende Stellung ein.
Nischen besetzen, das ist eine Spezialität der Romanen. Doch auch in Donat wird trotz des Einsatzes der Schule die sprachliche Zukunft der Kinder nicht romanisch sein. Ab der vierten Klasse werden die wichtigen Fächer auf Deutsch unterrichtet. An der Oberstufe in Zillis werden nur noch Religion und Textil auf Romanisch sein – vorausgesetzt, die Lehrkräfte beherrschen die Sprache überhaupt. Das führt bei manchen Jungen zu einem Kauderwelsch aus Romanisch und Deutsch.

Fern in Zeiten der Not

Die Lia Rumantscha schafft es, die Erosion im romanischen Sprachraum zu bremsen. Aufhalten kann sie den Niedergang nicht. Die Industrie bietet nicht nur den dort arbeitenden Romanen wenig Spielraum, ihre Sprache anzuwenden. Sie ist auch ein Magnet für deutschsprachige Einwanderer. Andererseits zwingt der Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen viele Romanen zur Abwanderung, wenn sie nicht im Tourismus tätig sein wollen. Ein Doktortitel ist nicht auf Romanisch erhältlich. Es sind aber nicht nur wirtschaftliche Gründe, welche die Jungen zum Verlassen der Berggebiete bewegen. Familien- und Gruppendruck engen unternehmungslustige Jugendliche ein. Sie ziehen die Anonymität der Grossstädte. Heimatgedanken sind dann nur noch Tränenlieferanten in sentimentalen Stunden. Manchmal plagt sie das schlechte Gewissen: "Wir sind fern in einer Zeit, wo die Sprache in Not ist", sagte einst Clemens Palley, pensionierter Leiter der Churer Programmstelle des Schweizer Radios.
Die Rückkehr der Emigranten in späteren Jahren oder wenigstens die Weitergabe von Sprache und Kultur ist die einzige Chance für romanisch, auch noch in hundert Jahren gesprochen zu werden. Das Schicksal einer Zweit- oder Drittsprache ist so schlimm nicht in einer vielsprachigen Welt.
Trotz der schwierigen Situation ist romanisch unter den Jungen schick. Wenn Romanen nicht wollen, dass jemand zuhört, greifen sie auf ihre Muttersprache zurück. So bekommt die Sprache einen Hauch von Exklusivität, die Bedeutung eines Geheimcodes, oder sie wird von Unkundigen einfach mit einer anderen Sprache verwechselt. "Als ich mich mit einer Freundin auf Romanisch unterhielt, beschwerte sich neben uns eine Frau mit Zürcher Dialekt  hörbar und auf uns gemünzt, dass die Jugos nun auch schon hier in den Bergen anzutreffen seien." Fadrina Hofmann ist heute Redakteurin von „reformiert“ und war einst Mitarbeiterin der Jugendzeitschrift "Punts", was Brücken bedeutet. In dieser Zeit hat sie auch obige Anekdote erlebt. Dass Touristen neben dem Breitschlagen üblicher Vorurteile auch romanisch mit serbokroatisch verwechseln, ist die Kehrseite der Exotik. "Unkenntnis über unsere Kultur kann uns schädlich werden", sagt Fadrina Hofmann. Denn auch in den Bündener Bergen verändert sich die Welt. Das gilt auch für Guarda, dem Schellen-Ursli-Ort. Er heisst heute Fabrice Dia und und sein Vater stammt aus Portugal. Noch immer spricht er romanisch, hütet Ziegen und macht mit einer riesigen Kuhglocke am Chalandamarz das Dorf unsicher. Aber er findet auch Bayern München, den EHC Davos und Computerspiele cool. Er träumt von einem neuen Töff und grossen Traktoren, die er einmal fahren will. Auf diesem Balanceakt zwischen Heugabel und Megabytes fragt sich, ob seine Muttersprache auch hipp ist. Immerhin sind ausführliche Spielberichte über die Leistungen von Bayern München auf Romanisch kaum erhältlich. Noch sprudelt es aus ihm romanisch heraus, wenn er mit seinem Freund Goisin spricht. Aber wer weiss, als Erwachsener wird für ihn im Zeitalter von Businessenglisch und Globalisierung, wo Sprachen in epidemischem Ausmass sterben, seine eigene Muttersprache zum Luxus, den er sich vielleicht nicht mehr leisten will.

Lovely Place

Die Romanen geniessen einen Schutz wie kaum eine Minderheit in Europa. Das war nicht immer so. "Ni Talins, ni Tudais-chs, Rumantschs vulains restar!" „Weder Italiener, noch Deutsche, Romanen wollen wir bleiben!“ schleuderten sie in den dreissiger Jahren dem begehrlichen Diktator Benito Mussolini entgegen, der die Gebiete bis zur Wasserscheide der Alpen heimholen wollte. Der Druck einte die Romanen und liess auch die Schweizer Stimmbürger trotzen. 1938 kreuzten neun von zehn Schweizern ein Ja auf den Stimmzettel: romanisch wurde vierte Landessprache. Vergessen waren die Zeiten, als Schüler Prügel erhielten, wenn sie auf dem Pausenplatz romanisch sprachen. Vergessen die Zeiten als die Romanen als unterentwickelte Bauerntölpel verschrien waren, die es zu alemannisieren galt. Die romanische Kultur bekam jene liebevolle Umarmung, die Saft und Kraft abfliessen lässt und manchmal wie Strafe durch Güte wirkt.
Zu klagen gäbe es nichts. Dennoch ist die Sprache auf dem Rückzug. Heute sprechen mehr Einwohner in der Schweiz serbokroatisch, türkisch, albanisch, portugiesisch oder spanisch. Romanisch ist seit Hunderten von Jahren auf dem Rückzug. Bedrohlich wurde bereits die Einwanderung der ersten Valser, welche über die Berge kamen. Und nach dem Brand von Chur 1464 gesellte sich eine Welle deutschsprachiger Einwanderer hinzu. Sie bauten die Stadt wieder auf, blieben dort und wandelten das romanische in ein deutsches Zentrum um. Die Alemannisierung konnten auch die Reformatoren nicht mehr aufhalten, die kurz darauf mit der romanischen Bibel die Schriftsprache einführten. Die Rumantschia ist heute ein Flickenteppich, eine Ansammlung von Talschaften ohne kulturelles Zentrum. Wo Treffpunkte fehlen, ist kulturelles Schaffen schwierig.
Das Sterben schreitet leise voran. Es stört die Besucher nicht. "What a lovely place", schwärmt der Kalifornier Kenneth Potter, als er eingepackt in dicke Jacke und Mütze den Pinsel in kühles Wasser taucht, Farbe mischt, und ein helles, durchsichtiges Blau über das Papier zieht: Der Himmel über Guarda. "Einer der schönsten Orte der Schweiz", murmelt er anerkennend. "Ich muss es wissen, denn ich kenne alle schönen Plätze."

Kenneth Potter: "What a lovely place."

 

"Ein Museum“, sagte dazu der Geograf Urs Frey, der seine Lizenziatarbeit über Guarda machte. "Form und Inhalt der Häuser stimmen nicht mehr überein."
Von aussen sind es die charmanten, sgraffito-übermalten Häuser geblieben. Doch die Hälfte der Fassaden beherbergen Ferienwohnungen.
Guarda ist das Schmuckkästchen im Unterengadin, ein romanisches Modelldorf, eine heile Welt für die stressgeplagten Unterländer. Viele sind zufrieden mit dem schönen Schein. Ein Schild mit der Aufschrift „Banca Cantunal“, die Zeitung „Quotidiana“ im Aushang und romanische Nachrichten im Fernsehen genügen zur Gewissheit, in einem viersprachigen Land zu wohnen. Wie es der vierten Sprache wirklich ergeht, ist nicht so wichtig. Es würde die Idylle trüben.



Engel aus Marzipan und Gips


Die Rätoromanen waren als Handwerker in ganz Europa begehrt. Im Bild: Holzschnitzer aus den Südtiroler Gebieten der romanischen Sprache.


Die Rätoromanen waren nie isoliert. Entlang der Passübergänge fand schon immer ein Austausch mit Fremden statt. Von dort wanderten im 16. Jahrhundert die ersten Bündner ab. Auf über 10'000 Menschen schätzen Historiker die Zahl der Söldner, die ihr Bündner Blut in den Armeen von Frankreich, Österreich, Holland, Spanien und Piemont vergossen. Das waren 20 Prozent der damaligen Bevölkerung. Die Not trieb zur Schwabengängerei: Kinder aus den übervölkerten Gebieten der Surselva wurden für neue Kleider und ein Sackgeld eine Saison lang im süddeutschen Raum als Arbeitskräfte feilgeboten. Nach dem Bau des Gotthardtunnels im Jahr 1882 verschlechterte sich wegen des ausbleibenden Transitverkehrs die wirtschaftliche Situation weiter. Die Auswanderungswelle nach Amerika rollte an. Ganze Talschaften zogen aus, um ihr Glück auf der anderen Seite des Atlantiks zu suchen. Im Telefonbuch von San Francisco oder Los Angeles stehen Namen, die man in Urmein oder Scharans findet. Protestantische Romanen machten im Ausland Furore als Zuckerbäcker. Die ausgewanderten Bündner in Venedig waren die ersten Europäer, die Kaffee nicht nur als Medikament verwendeten. Das berühmte Königsberger Marzipan stammt von ihren Rezepten - der Typ der Berliner Konditorei mit Café und Leseraum ist ebenfalls eine Bündner Kreation. Katholiken aus der Surselva brachten den italienisch geprägten Barock nach Süddeutschland. Die Auswanderer eines Dorfes schlossen sich zusammen: Die Schulser zog es beispielsweise nach Dalmatien, die Senter in die Toscana und die Ftaner nach Dänemark oder Russland.




Schweiz. Greina-Stiftung – Zur Erhaltung der alpinen Fliessgewässer

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Bergwald-Projekt

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Alpine Pearls - Natürlich Sanfter Urlaub

Pressebüro Seegrund – Sankt Gallen (CH)