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Churer Schutzwald: Einer kommt durch


80 Prozent der Wälder in der Bündner Hauptstadt Chur sind Schutzwälder. Ohne sie könnte die Stadt nicht existieren.

 

Zu Dutzenden haben sich winzige Tännchen um einen Weisstannenriesen gruppiert. Toni Jäger zupft eines aus dem lockeren Waldboden. Es ist kaum daumenhoch und mehr unförmiger Busch als Jungbaum. „Seit einem Jahrzehnt kämpft diese Pflanze ums Überleben, mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit. Doch sie hat keine Chance. Jeden Winter werden ihre Jungtriebe vom Wild weggeknabbert“, erklärt der Churer Revierförster. Für Reh, Hirsch und Gämse muss die Waldlichtung auf 1200 Metern Höhe ein kleiner Garten Eden sein, in dem sie sich, wenn auf dem schneebedeckten Waldboden keine andere Nahrung mehr zugänglich ist, gütlich tun. Das liegt auch daran, dass ihre klassischen Einstandsgebiete in der kalten Jahreszeit rege von Wintersportlern frequentiert werden. Das Wild weicht aus in den Wald. Doch was gut ist fürs Wild, kann für die Menschen in der Bündner Hauptstadt potenziell katastrophale Folgen haben. Der Schwarzwald, der sich von der Stadtgrenze in extrem steilem Gelände über 1200 Höhenmeter erstreckt, ist ein entscheidender Teil der wichtigen Churer Schutzwaldungen. Ohne diese könnte die Stadt mit ihren 36‘000  Einwohnern nicht existieren. Bliebe der Wald sich selber überlassen, würde er seine Schutzfunktion über kurz oder lang einbüssen. Natürliche Wälder entwickeln sich in langen Zyklen. In dieser Walddynamik kann es stellenweise auch zu flächigen Zusammenbrüchen der Bestände oder grösseren Lücken kommen, was die Schutzwirkung zeitweise herabsetzen kann. In steilen Lagen kann das Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern und wird begleitet von erosiven Prozessen, die die Landschaft quasi neu formen. Es ist der Lauf der Natur. Der Mensch hat dort als dauerhafter Bewohner nichts verloren. Er muss, will er sich niederlassen und bleiben, die natürliche Entwicklung zu seinen Gunsten beeinflussen. Ohne diese Einsicht hätten die Alpen nicht besiedelt werden können. Das gilt auch für die Stadt Chur, deren Wurzeln bis in ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen.

Die Lichtung im Schwarzwald haben die Churer Förster vor 12 Jahren geschlagen, mit dem Ziel, den hier rund 150-jährigen Baumbestand zu verjüngen und die Baumartenvielfalt zu fördern. Die Vorgänger hatten, ganz dem damaligen Credo folgend, hier einen gleichförmigen Weisstannen- und Fichtenbestand angelegt. Damals war Holz ein wertvoller Rohstoff, eine der wichtigsten Einnahmequellen der Stadt Chur. Sie hat 1874 das Waldnutzungsrecht von der Bürgergemeinde, bis heute Eigentümerin praktisch des gesamten Waldes, übernommen und übt es bis heute aus. Nach einigen Jahrzehnten sollte das Holz geerntet und wieder aufgeforstet werden. Ein vor hundert Jahren angelegtes Netz von für Pferde begehbaren Wegen sollte die Holzernte rationeller gestalten. Diese primär wirtschaftliche Ausrichtung der Waldbewirtschaftung ist heute im Schutzwald in den Hintergrund getreten, auch wenn vor zwei Jahrzehnten lastwagentaugliche Waldstrassen angelegt wurden. Zum einen sind die Holzpreise fast ins Bodenlose gesunken, zum andern stehen heute ökologische Aspekte und die eigentliche Schutzfunktion im Vordergrund. Bäume werden zwar nach wie vor gepflanzt im Schwarzwald, doch nur dort, wo es nicht mehr anders geht. Ganz bewusst hat Revierförster Jäger beim Holzschlag im Jahr 2000 einige Altbäume, darunter eine mächtige Lärche, stehen lassen. Sie wirken heute wie Leuchttürme in einer wild aufbrausenden Natur, die sich hungrig dem unvermittelt auf den Boden flutenden Licht entgegenstreckt. Vor allem Hochstaudenflora wie Himbeeren und Blackten breitet sich aus, die wesentlich langsamer sich entwickelnden Bäume hätten keine Chance, wenn der Mensch nicht nachhelfen würde: Während einiger Jahr muss hier wie auf einer Wiese mit der Sense gemäht werden, um den Bäumen Licht zu schenken. Gegen den Wildverbiss helfen Spritzmittel, die die begehrten Jungtriebe ungeniessbar machen, und die gezielte Pflanzung von kreisförmigen Baumgruppen, aus deren Mitte sich in der Regel ein Baum durchzusetzen weiss. In diesem Sommer haben die Churer Förster zum letzten Mal gemäht. „Wir haben nun genügend Bäume, die dem Wildverbiss standhalten. Jetzt können wir der Natur ihren Lauf lassen“, freut sich Toni Jäger. Nur eine Handvoll Weisstannen, die im steilen Gelände wegen ihrer mächtigen, herzförmigen Wurzelgeflechte eine besonders grosses stabilisierende Wirkung haben, bleibt von einem stattlichen Zaun umgeben: Sie werden als künftige Samenbank dienen. 300 Franken hat alleine der Zaun gekostet. So viel Geld erhalten die Förster heute für eine Weisstanne im besten Alter von einem knappen Jahrhundert. Weitere 300 Franken gehen für das Fällen und den Abtransport drauf.

Ein paar hundert Meter weiter ist der Lärm einer Säge aus einem Bachtobel zu hören: Es ist eine von elf Rinnen im Churer Wald, in denen Wasser in der Falllinie ins Tal stürzt. Schon vor hundert Jahren wurden mächtige Steinmauern und Stämme eingebaut, um die Wucht der Muren zu brechen, die hier nach heftigen Niederschlägen unvermittelt losbrechen können. Die Schuttkegel im Tal, auf denen das Vieh weidet, zeugen von der Gewalt der Erosion. Heute geht es darum, einige dieser künstlichen Stufen zu erneuern – eine nicht ungefährliche Arbeit im extrem steilen Gelände mit Schreitbagger, Motorsäge und Vorschlaghammer. Im Talgrund soll ein von einem mächtigen Damm gesäumtes Rückhaltebecken Gestein und Schlamm aufhalten. Es muss regelmässig ausgebaggert werden und hat sich gut bewährt.

Die Kosten für die Schutzwaldpflege übersteigen die Einnahmen heute bei weitem. Alleine der Holzschlag kostet 100 bis 120 Franken pro Kubikmeter. Erlösen lassen sich je nach Holzart und –qualität nur zwischen 40 und 100 Franken. Noch vor zwanzig Jahren war es - inflationsbereinigt – das Doppelte gewesen. So ist etwa das Holz der mächtigen, bis zu 200 Jahre alten Weisstannen aus dem Schwarzwald aus produktionstechnischen Gründen kaum mehr abzusetzen, und auch die Buchen, die den unteren Teil des Waldes dominieren, sind wegen ihrem Hang zu Rissen nur als Brennholz zu verkaufen. Das schlägt sich in einem notorischen Defizit in der Rechnung der städtischen Forst- und Alpverwaltung nieder, das sich auch durch die Schutzwaldsubventionen von rund 250‘000 Franken aus nationalen und kantonalen Töpfen nicht decken lässt. Urs Crotta, Leiter der Forst- und Alpverwaltung spricht von jährlich rund 100‘000 Franken, die aus der städtischen Kasse zugeschossen werden müssen. Es ist letztlich der Preis für einen intakten Schutzwald – und damit eine sichere Zukunft.

Schweiz. Greina-Stiftung – Zur Erhaltung der alpinen Fliessgewässer

Bergwald-Projekt

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Pressebüro Seegrund – Sankt Gallen (CH)