Geschichte

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Ein Besuch im Basler Spielzeugweltenmuseum entführt in die Welt der Teddys, Puppen und Kaufmannsläden.  Sie waren nicht nur zum Spielen bestimmt. Als Statussymbol, Erziehungsinstrument und Kultobjekt verraten sie einiges über die Lebensgewohnheiten ihrer Entstehungszeit. 

Der Rundgang durch das vierstöckige Spielzeugwelten Museums Basel gleicht einer Reise in die Vergangenheit. Im obersten Geschoss tümmeln sich historische Teddys auf alten Schulbänken, sitzen auf hölzernen Tretrollern und Schlitten. Porzellanpuppen zieren Kaufmannsläden und Puppenstuben. «In jeder der gläsernen Vitrinen wird eine eigene Geschichte erzählt», erklärt die Leiterin Laura Sinanovitch das wechselnde Ausstellungskonzept. Die historischen Spielzeuge waren in ihren Anfängen nicht als solche gedacht.

Spielzeug zur Repräsentation
Der Beginn der Puppenhaus-Fertigung reicht zurück bis ins Barock, als die adligen Herrscher zur Demonstration ihres Standes Einzelmodelle ihrer Schlösser in Auftrag gaben und sich dabei teilweise hoch verschuldeten. Es handelte sich um kostspielige von Kunsthandwerkern hergestellte Exponate, so die Leiterin. Die Namen der Hersteller sind nicht bekannt, und Zeichnungen nicht erhalten geblieben. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich die Bedeutung von Puppenhäusern minim. Auftraggeber war nun das gehobene Bürgertum geworden, das für seine Nachkommen auch Kaufmannsläden, Apotheken und Schulzimmer fertigen liess, die man vor allem im dritten Stock bestaunen kann. Gespielt wurde damit kaum, sondern wiederum repräsentiert. Auf Wiedergabe im Masstab legte man keinen Wert. Dem Museum sind keine Pläne und Hersteller bekannt, das Entstehungsjahr nicht definitiv zu bestimmen.

 

Apothekenmodell zwischen 1870 und 1890 gefertigt. (Bild: Christoph Markwalder)

Erziehung mit dem „Doggetekänschterli“
Bei der Gestaltung spielte die detaillierte Nachbildung der Lebenswelten eine wesentliche Rolle. Geschirr, Vorhangstoffe, Polststühle, Holzmöbel und Tische, Teppiche und Bodenbeläge, Kleidung und Puppen wurden aufs Sorgfältigste durch verschiedene Handwerker gefertigt. Insbesondere aus dem Biedermeier um 1860 ist eine sehr aufwändige Stube aus Deutschland erhalten. Ob das Zusammengestellte immer der gleichen Zeit entspringt sei fraglich, so Sinanovitch. «Stuben dürfen in unserem Haus auch wachsen», fügt sie hinzu und zeigt auf das so genannte Doggetekänschterli: Ein Puppenhaus im schlichten Holzkasten mit Mobiliar, Gebrauchsgerät und Puppen. Die Möglichkeit zum Verschluss spiegelt, dass der Wohlstand nicht gezeigt werden sollte. Und es veranschaulicht, die sich wandelnde Bedeutung seit der Jahrhundertmitte - hin zum Spielzeug für Kinder. Gespielt wurde unter Aufsicht, um zum Kaufen und zu einer bestimmten Lebensweise zu erziehen. Das «Doggetekänschterli», einziges Schweizer Stück dieser Art in der Ausstellung, datiert um 1880/90. 

 

Spielsache zum Verschluss: "Doggetekänschterli" (Bild: Christoph Markwalder)

Einzelstücke aus der Schweiz
Die Schweiz gehört und gehörte auch früher nicht zu den grossen Spielzeugproduzenten. Während in Deutschland, Frankreich und auch den Niederlanden durch die Industrialisierung finanzielle Mittel und die Nachfrage einer kaufkräftigen Oberschicht die Fertigungsweise ankurbelten und Innovationen beschleunigten, blieb es in der bäuerlichen Schweiz im 19. Jahrhundert vorwiegend bei Einzelanfertigungen. Teils mischen sich Brauchtum und Spiel, wie beim prächtigen Kopfschmuck der Appenzeller Silvesterchläuse, bestehend aus geschnitzten Tierfiguren. In der deutschen Serienfertigung ab 1900 ist eine Verflachung der Qualität erkennbar. Zwar liessen die in Kleinserien gefertigten Puppenhaus-Bausätze des Herstellers Moritz Gottschalk aus dem Erzgebirge seit den 1930er Jahren individuelle Gestaltungsspielräume zu, z.B. eigenem Anstrich. Doch die handwerkliche Arbeit daran wurde weniger. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde Spielzeug zum industriellen Massenprodukt, oft aus Plastik gefertigt und importiert. Doch ein Handwerkszweig knüpft an die Kunstfertigkeit der Vergangenheit an - Miniaturen.

 

Kopfschmuck der Appenzeller Silvester-Chläuse (Bild: Christoph Markwalder)

Miniaturen vom Schreiner
Als zeitgenössische Variation der Puppenhäuser bilden sie einen weiteren Sammlungsschwerpunkt im zweiten Stock des Hauses. Im Unterschied zu den historischen Vorgängern wird auf Masstabstreue von 1:12 absolut Wert gelegt: bei Möbeln, Puppen, gesamte Inneneinrichtungen und Werkstätten. Äusserst detailtreu sind die Pariser Art-Deco-Räume  der französischen Modeschöpferin Jeanne Lanvin. In einer anderen Vitrine bestechen die filigranen Möbel eines Eleisa. Es ist ein Pseudonym des gebürtigen Flavio Schiavo. Der Italiener fertigt seit 20 Jahren Miniaturen. Die Leidenschaft des gelernten Schreiners beschert ihm eine seit knapp zwei Jahrzehnte dauernde Zusammenarbeit mit dem Spielzeugweltenmuseum. Zu Schiavos Arbeiten zählen nicht nur Nachbildungen von Originalen, wie z.B. der Sektretär von Napoleon Bonaparte, sondern auch eigene Designentwicklungen. Die zeitgenössischen Einrichtungen seiner Mini-Wohnwelten und Werkstätten hat er akribisch recherchiert. Geduld, Forschungsarbeit und technisches Verständnis sowie seine 45 Jahre Berufserfahrung, nennt er als Erfolgskriterien.

 

Miniaturvitrine aus Rosenholz von Flavio Schiavo (Bild: Manuela Ziegler)

Puppenwelten aus Japan
Unser Rundgang schliesst mit einem Exkurs über die Volkskunst des Krippenkünstlers Mario Capuano. Er lässt das Alltagsleben der Bewohner Neapels im 18. Jahrhundert wieder auferstehen. Und es gäbe noch viel zu entdecken, wie etwa die Unterschiede zwischen den französischen Puppen mit ihren perfekten Gesichtern und den charakteristischen, die Margarete Steiff  in Giengen an der Brenz fertigen liess. Auch die Tradition historischer japanischer Puppenhäuser überrascht. Sinanovitch betont die Sorgfalt mit der jede Figur ihren Platz, dem Zeremoniell getreu, einnehmen muss. Sind wir doch lieber bei den Schö-Wüeschte Chläuse aus dem Appenzell zuhause? In der facettenreichen Mischung dürfte für jedes Familienmitglied etwas dabei sein. Der Museumsbesuch soll auch für die Kleinsten eine Freude sein - mit dem entsprechen Booklet zur Ausstellung entwickeln sie vielleicht gar «Mut zum Hut», so die aktuelle Sonderausstellung.

Beim Artikel handelt es sich um eine veränderte Fassung der Erstveröffentlichung in der Schreinerzeitung www.schreinerzeitung.ch vom 13.12.2018. 

Infoboxen:

Museum für Gross und Klein
In 2018 feierte das Spielzeugweltenmuseum in der Basler Innenstadt 20-Jahr-Jubiläum. Rund 70.000 Besucher zählt das Haus jährlich. Aus der Privatsammlung der Gründerin Gisela Oeri hervorgegangen, umfasst das Haus heute über 10.000 Objekte. Schwerpunkte: Die grösste Sammlung alter Teddys weltweit, Kaufmannsläden und Miniaturen. Regelmässig gibts Sonderausstellungen, wie die Weihnachtsausstellung «Design am Weihnachtsbaum» Sie zeigt gläsernen Baumschmuck um 1920, noch bis 10. Februar 2019. Weiter wird die Schau „Mut zum Hut“ bis zum 7. April 2019 gezeigt. Das Begleitprogramm umfasst Workshops, Wettbewerbe und Booklets - speziell für die kindlichen Entdeckungsreisen im Museum entwickelt.
 www.spielzeug-welten-museum-basel.ch

 

Schweizer Spielzeugproduktion
Dreirad, Holzlastwagen und Schaukelschnecke der Wisa-Gloria haben in der Schweiz fast Kultstatus. Doch als eine der ältesten Spielzeugmanufakturen weltweit, gegründet 1881 in Lenzburg (AG), hat das Unternehmen heute ums Überleben zu kämpfen. Nach der Hochphase in den 1960er Jahren stand man durch die Welle asiatischen Plastikspielzeugs wenig später fast vor dem Aus. Einige Gründe: Die Schweiz ist kein traditionelles Spielzeugproduktionsland, so der Spielwarenverband (SVS). Seit rund 130 Jahren wird Spielzeug überhaupt in grösserem Stil gefertigt. Vergleichsweise hohe Produktionskosten im Niedrigpreissegment und ein kleiner Heimmarkt ohne nennenswerte Exporte erschweren Erfolg.Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es circa zwei Dutzend kleiner Betriebe und Einzelunternehmer, die ein breites Sortiment an Spielzeugen fertigten, so eine Publikation im Züricher Spielzeugmuseum über Schweizer Spielzeug von 1991.  Seit der Jahrhundertmitte verdrängten tiefere Preise, moderne Farben und Materialien ausländischer Exporte die heimischen Erzeugnisse. Bis heute bestehen jedoch die in den 1920er Jahren entstandenen Albisbrunnen Spielwaren mit ihren Holzspielzeuge in bunten Farben. Aus der Bucherer AG, die einst auch Saba Gliederpuppen fertigte, wurde Buco. Als Einzelkämpfer behauptet sich auch Trauffer im Berner Oberland mit seinen Holzkühen. Und Cuboro, die Kugelbahn, seit 1986 gefertigt, ist inzwischen gar auf dem Smartphone spielbar. Holzspielzeug hat mit geschätzten 3-5 Prozent einen sehr geringen Anteil am Schweizer Spielzeugmarkt von rund 470 Mio. Franken Umsatz 2017. Die Annäherungswerte stammen vom Marktforschungsinstitut Gfk, Growth from Knowledge. Der Anteil bleibt allerdings konstant. Auch Wisa-Gloria gibt nicht auf, fokussiert auf eine kleine Produktion und ergänzt sein Portfolio um Erzeugnisse europäischer Manufakturen.

 

 

 

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