Liebe Touristiker: Fehlt Euch der Mut?
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- Von Christoph Schliessmann
Zugegeben, mit meinen ersten beiden Kolumnen habe ich bewusst nicht in den allgemeinen Vorwärtsgesang der Tourismusindustrie nach dem Motto „gigantischer, schneller, spektakulärer“ eingestimmt, weil ich begründet Wachstum in einseitiger Art und Richtung für den Samen der Zerstörung und des Niedergangs in der Zukunft halte. Aber alle folgen angeblichen Vorreitern wie die Lemminge. Bei den einen ist es einfach die eher profane Gier, es anderen gleichzutun und auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen, andere wiederum, vor allem die neue Generation der mastergeadelten „Tourismus-Top-Guns“, rechtfertigt ihre Wachstumsstrategien dann neuwissenschaftlich mit „Benchmarking“, „Best Practice“ oder „wettbewerbsorientierter innovativer Unternehmensplanung“ und bildet sich ein, damit die Zukunft und ihre Unwägbarkeiten managen zu können. Weit gefehlt. Schon der Begriff „Zukunftsmanagement“ ist per se blanker Unsinn, denn Zukunft lässt sich nicht steuern und organisieren, schon ihrer Komplexität wegen. Aber auch hier lieben die Menschen die Wundertüten der Marketiers.
Schon andere, viel größere Namen, haben zunächst gewonnen und sind dann an der Blindheit ihres einseitigen Weges, und dem Festhalten an einer Branchen- und Geschäftslogik sowie „Vision“, selbst als diese sich zur Utopie entwickelte, gescheitert. Atari, Wang, DEC, Kodak, Schlecker, Dell, Crocks und aktuell sogar Intel und Otto Versand sind nur einige Beispiele großer Unternehmen, die die Zeichen der Zeit zu spät erkannt, zu wenig in Vielfalt, Alternativen und Veränderungsszenarien gedacht haben und heute gar nicht mehr oder mit großen Problemen existieren. Allen gemeinsam ist – und das ist ja das Verlockende und gleichzeitig Fatale – sie waren einmal Marktführer, Vorreiter, Branchenprimus, Unternehmen also, an denen sich andere orientierten und sie als „Best Practice“ nahmen. Erfolg ist nicht buchbar. Und gerade Leader können irren, weil sie sich da oben in dünner Luft bewegen und ihnen die Reibung an den Elementen fehlt. Wer sagt denn, dass der, der heute den Ton angibt, nicht bereits strategisch auf Abwegen ist? Strategische Fehler zeigen sich operativ leider nur erst Jahre später, oft ist dann der Turn zu spät.
Eisberge z.B. sind erstaunlich klug. Sie befinden sich in einem ständigen Wandel, kippen um ihre eigene Achse, stürzen in Abgründe, tauchen in veränderter Form wieder auf und passen sich neuen Gegebenheiten flexibel an – was allerdings auch beinhaltet, dass sie sich vollständig auflösen können. Um an anderer Stelle wieder neu zu Eis zu gefrieren. Auf Unternehmen übertragen, ist die einzig gültige Orientierung für die unternehmerische Zukunft und Lebensfähigkeit, sich die Kraft des Wandels und den Mut zur Veränderung zu Eigen zu machen. Nicht um zu sterben, sondern um nachhaltig Lebenszyklen immer wieder neu und gestärkt zu erreichen. Gerade wenn es Unternehmen am besten geht, sollten im entscheidenden Moment die überlebenserhaltenden Kursanpassungen an veränderte Umfeld- und Umweltbedingungen nicht verpasst werden. Kodak z.B. schlug so die einzigartige Chance, seine bereits 1986 erreichte Pionierrolle im Bereich der Digitalkameras zu nutzen und auszubauen, in den Wind. Am analogen Film festhaltend, ging das Traditionsunternehmen den Weg in die Bedeutungslosigkeit und dem CEO, der 1993 das Unternehmen zum führenden Digitalkamerahersteller transformieren wollte, gab man zukunftsblind und aus Angst um den Status Quo lieber den Laufpass.
Die Tourismusindustrie, gerade in der Alpenregion, braucht an den wahren Motiven der Gäste orientierte Vielfalt und differenzierte Angebote. Keine Blaupausen eines Masterplans, sondern eigene authentische Ideen mit Aufmerksamkeitswert und Potential zur „Love-Mark“ zu werden. Dazu gehört aber der Mut, sich einmal Zeit zu nehmen, den eigenen Weg auf den Prüfstand zu stellen. Benchmarking? Meist führt das nur zu der Erkenntnis, dass es dieses oder jenes Angebot schon gibt und dass es jemand bereits erfolgreich umgesetzt hat und besser macht. Warum braucht es dann 87 Kopien, von denen 77 darben und die letzten 30 einsteigen, wenn die ersten 5 bereits auf neuen Wegen sind?
Ich träume von einem Alpenraum, wo es ein Erlebnis wird, von einem Ort zum anderen in unterschiedliche Angebotswelten und Kulturinseln einzutauchen und diese wirklich zu spüren. Alle Sinne können dann authentisch und unterschiedlich angesprochen werden. Jeder Ausflug wird dann zu spannenden Entdeckungsreise. Aber ehrlich: Fahren Sie heute doch mal durch manches Alpental – das ist oftmals Monotonie und Langweile pur, selbst wenn auf hohem Niveau. Warum soll ich da, wenn überhaupt, mehr als einmal hinfahren?
Ich lade ein zu meinem Seminartag, bei dem es genau darum geht, den eigenen Weg kritisch zu reflektieren und vielleicht zu neuen Ufern zu gehen, wirklich innovativ und Beachtung findend…




























